In der ZEIT vom 2.2.06 forderten 60 Migrationsforscher "mehr Gerechtigkeit für Muslime" und kritisierten in diesem Zusammenhang die islamkritischen Veröffentlichungen von Necla Kelek ("Die fremde Braut"). Kelek, die,für ihre publizistische Tätigkeit mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005 ausgezeichnet wurde und dem Wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung angehört, arbeite unseriös, hieß es in der Petition, und bediene islamophobe Ressentiments. Auffallend an der Kritik ist - aus Sicht der GBS - die kulturrelativistische und in Religionsfragen völlig naive Herangehensweise der sog. "Migrationsforscher". Grund genug, die Debatte auf der GBS-Website zu dokumentieren. Neben den Links zu den ZEIT-Artikeln sowie zu einem Artikel der Frankfurter Rundschau finden sich hier erstmalig auch die Langversion der Entgegnung von Necla Kelek sowie der Gegenaufruf "Gerechtigkeit für demokratische IslamkritikerInnen" von 54 Islamkritikern (teils muslimischer Herkunft).
A. Antwort auf den Offenen Brief von 60 Migrationsforschern
in der ZEIT vom 02.02.2006 In meinem Buch „Die fremde Braut“ habe ich aus dem Inneren
des türkischen Lebens in Deutschland berichtet, über Zwangsheirat,
arrangierte Ehen und Frauen geschrieben, denen ihre Familien die elementarsten
Rechte verweigern. Das Buch hat eine heftige öffentliche Diskussion
ausgelöst, weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der
türkischen Gemeinschaft verstieß – es machte das
Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in
Deutschland ein modernes Sklavendasein führen. Werner Schiffauers Studie „Die Migranten aus Subay“, in der er anhand von acht Schicksalen über „die Türken in Deutschland“ Schlüsse zieht, war ein Meilenstein der Migrationsforschung. Schiffauer hat damit die qualitative Migrationsforschung auf einen neuen Stand gebracht, seine grundlegende These allerdings, dass der Weg in die Moderne unaufhaltsam mit einer Ablösung der Einwanderer von ihrer Herkunftskultur und ihrer Neuorientierung an den Werten der westlichen Gesellschaft verbunden sei, ist inzwischen von der Realität widerlegt worden. Die politisch Aufgeschlossenen sind nur allzu gern Schiffauers These gefolgt, die Integration der Türken und Muslime erledige sich gleichsam „von selbst“. Nicht die Integration schien das „Problem“ zu sein, sondern die Befürchtung, die Migranten könnten in diesem Anpassungsprozess an die Moderne ihre Identität verlieren. Auch ich bin anfangs dieser These gefolgt und habe die „kulturelle Dimension des Muslim-Seins“ ebenso sträflich unterschätzt wie die Macht des islamischen Weltbildes. Als ich 1995 in Berlin versuchte, kopftuchtragende junge Türkinnen zu interviewen, musste ich selbst in Kreuzberg lange suchen, um überhaupt die eine oder andere ausfindig zu machen. Gehen Sie heute zum Kottbusser Tor in Kreuzberg, Sie werden eher Probleme haben, muslimische Frauen ohne Kopftuch zu finden. Ich habe in den letzten zehn Jahren genau hingesehen, habe mit einigen meiner Interviewpartner wiederholt gesprochen, die Veränderung in der türkisch-muslimischen Community registriert und dabei dazugelernt. Nach meinem Verständnis macht erst das eine seriöse Forschung aus: die Bereitschaft, die eigenen Ergebnisse durch genaue Beobachtung auch wieder in Frage stellen zu lassen. Der Vorwurf, angeblich „Einzelfälle“ zu Verallgemeinerungen „aufzupumpen“, ist auch noch deshalb besonders absurd, weil die Initiatorin dieses offenen Briefes an mich, Yasemin Karakasoglu, in ihrer Dissertation auf über 400 Seiten die Ergebnisse ihrer Befragungen von 15 muslimischen kopftuchtragenden Pädagogikstudentinnen ihres Institut auswertet, um zu dem Schluß zu kommen, dass das Kopftuchtragen junger muslimischer Frauen viele „Facetten“ habe und das Kopftuch ein Zeichen des neuen Selbstbewusstseins junger Musliminnen ist, sie die „glücklichen Töchter Allahs“ sind. Diese Erkenntnis qualifizierte sie sogar zur Gutachterin vor dem Verfassungsgericht. Kurios an dem Vorwurf, ich könne keine empirischen Daten vorlegen,
ist ferner, dass gerade meine Kritiker aus der gut ausgestatteten
Welt der öffentlich finanzierten Migrationsforschung kommen.
Sie waren es doch, die den Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer wegen
seiner empirischen Studie über Gewaltbereitschaft muslimischer
Jungendlicher („Verlockender Fundamentalismus“, 1997)
kritisierten, denn das passte nicht ins multikulturelle Konzept. Anstatt
dabei inhaltliche Ergebnisse auf den Tisch zu legen, kaprizieren sie
sich auf persönliche und wissenschaftliche Diskreditierungen
– alles nur, weil ihnen die Richtung nicht passt. Dabei hätten
die Institutsleiter, C 3 und C 4 Professoren, in den vergangenen Jahrzehnten
Zeit, Mittel und Assistenten gehabt, die Frage von Zwangsheirat, arrangierten
Ehen, Ehrenmorden, Segregation und des Islam sowohl quantitativ wie
qualitativ zu untersuchen. Die Unterzeichner bestreiten nicht die Existenz von Zwangsheiraten,
sehen diese aber als eine Art “Heiratsmarkt“, der sich
der europäischen Abschottungspolitik verdankt. Gibt es also keine
Zwangsheirat in Anatolien? Hat Europa eine Bringschuld gegenüber
Ländern, die der EU beitreten wollen? Oder ist es nicht umgekehrt
so, dass bestimmte Bedingungen in diesen Ländern erfüllt
sein müssen, bevor sie der EU beitreten können? Für mich offenbart sich in solchen Aussagen ein merkwürdiges Demokratieverständnis und ein merkwürdiges Selbstverständnis ihrer eigenen Arbeit. Offensichtlich verstehen sie ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration nicht so, dass solche kriminellen Praktiken verhindert werden, sondern sie wollen sie bestenfalls „in ihrem Entstehungskontext“ erklären können. Ich habe ein anderes Verständnis von meiner Aufgabe als Migrationsforscherin. Ich möchte mit meinen Arbeiten zur Integration beitragen und habe deshalb auch keine Probleme damit, mit dem Innenminister der Bundesrepublik, dem Bundesamt für Migration und anderen Stellen zusammenzuarbeiten. Die 60 Migrationsforscher werfen mir eine unseriöse Vorgehensweise
vor, sind sich aber selbst nicht zu schade für den Versuch, mich
und andere zu diskreditieren – und damit die ersten Ansätze
einer anderen Integrationspolitik in Deutschland.
B. Gerechtigkeit für demokratische Islamkritikerinnen!
Ehrenmorde, Zwangsheiraten und rigide patriarchalische Grundorientierungen sind ebenso wie antijüdische Verschwörungsideologien und mangelnder Respekt gegenüber säkular-demokratischen Grundprinzipien ernst zu nehmende und nichtmarginale Phänomene innerhalb der islamisch geprägten Kulturgemeinschaft. Darüber gibt es national und international eine umfangreiche Literatur einschließlich zahlreicher hinreichend validierter Studien. Vor diesem Hintergrund behauptet niemand, dass sämtliche Muslime aktive Anhänger und Akteure eines reaktionär-konservativen bis fundamentalistischen Gesetzesislam sind, aber es ist gut begründet davon auszugehen, dass innerhalb der islamischen Gemeinschaft starke und einflussreiche Sektoren existieren, die einen strengen, schariatischen und grundrechtswidrigen Glauben lehren, predigen, normieren, anstacheln und repressiv überwachen. Insofern verbietet sich eine undifferenzierte Generalamnestie für alle Muslime. Wenn nun eine Gruppe von "MigrationsforscherInnen" die literarisch verarbeiteten Lebenserfahrungen von Frauen, die den strengen Gesetzesislam in multipler Form am eigenen Leib erfahren haben, als „Boulevard-Stories“ und „reißerische Pamphlete“ abqualifiziert, so ist das nicht nur respektlos und demütigend, sondern auch unwissenschaftlich. Denn bei diesen Lebensberichten handelt es sich um "dichte", hermeneutisch relevante Beschreibungen der Umsetzung einer Religion in normative Alltagspraxis bzw. um die Legitimation interpersonaler Herrschaftsausübung durch Religion. Oftmals haben diese "verdichteten" individuell-konkreten Erlebnisreportagen eine erheblich größere Aussagekraft, als jene oberflächlich-empiristischen Untersuchungen, bei denen mit Hilfe von spezifisch zugerichteten Vorgaben „glättend“,„abschwächend“ und zerstückelnd in die Probanden „hineingefragt“ wird und entsprechende Klischees über die „böse“ (pauschal-rassistische) Aufnahmegesellschaft bedient werden. Zudem weisen die Berichte von „islamgeschädigten“ Frauen schon aufgrund ihrer konkreten Zurechenbarkeit einen erheblich größeren Authentizitätswert auf als die stereotypen Parolen jener „Vorzeige- und Nadelstreifenislamistinnen“ und Konvertitinnen, die wie speziell geschulte Mitglieder eines Wanderkaders durch die Medien ziehen. Die Autoren des Aufrufs „Gerechtigkeit für Muslime“ werfen Necla Kelek "unwissenschaftliches“ und „unseriöses“ Vorgehen vor. Angeblich hätten sie und andere Autorinnen wie Seyran Ates „eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt (…), das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten und Erkenntnisse eine Rolle spielen.“ Doch hinter diesem Gestus der „Wissenschaftlichkeit“ steckt ein ideologischer Abwehrmechanismus, der darauf abzielt, Kritik an den vielfältigen antiemanzipatorischen, undemokratischen und freiheitsfeindlichen Aspekten des orthodoxen Mehrheitsislam, die nicht in das eigene kulturrelativistische Raster paßt, a priori zu delegitimieren. Im Grunde wird ein einfaches apologetisches Prinzip verfochten: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Negative Merkmale der Migranten müssen sich immer aus dem ‚Hypertheorem' „Rassismus der Aufnahmegesellschaft“ ableiten lassen; niemals darf die normative Prägekraft des Islam als Ursache in Erscheinung treten. Dass in breiten Teilen der islamischen Gesellschaften fremdenfeindliche Einstellungen gegen Un- und Andersgläubige vorherrschen und geringfügigste Anlässe zu schweren Ausschreitungen führen können, darf dieser parteilichen "Migrationswissenschaft" erst gar nicht in den Sinn kommen. Necla Keleks Argumentation stimmt durchaus mit empirischen Forschungsergebnissen überein. So hat das türkische Forschungsinstitut für Frauen Profile im Jahr 2000 herausgefunden, dass für 89 Prozent der türkischen Frauen die Jungfräulichkeit vor der Ehe ein Zeichen der Ehrbarkeit ist. 44,9 Prozent der Frauen und 45 Prozent der türkischen Männer sind der Meinung, dass der Ehemann berechtigt sei, seine Frau zu schlagen, falls diese ungehorsam ist. 77,8 Prozent der misshandelten Frauen schweigen. Zwei von drei Frauen werden per Brautwerber an den Mann gebracht. 24 Prozent der Brautväter verlangen vor der Ehe Brautgeld. Von den verheirateten Frauen sind in den ländlichen Gebieten 52,2 Prozent und in den Städten 36,3 Prozent mit dem Ehemann verwandt. Seit ihrer Dissertation hat sich Frau Kelek offensichtlich von bestimmten ideologischen Scheuklappen und dominanten Diskursauflagen befreit und erkannt, dass die sozialisationsbedingte Übernahme konservativ-islamischer Grundüberzeugen - trotz formal-oberflächlicher Anpassung an die hiesigen Lebensverhältnisse - bei zahlreichen Migrantenjugendlichen nach wie vor als gravierende Integrationsbarrieren wirken und bei nicht wenigen den Nährboden für die Aneignung islamistischer und nationalistisch-rechtsextremistischer Orientierungen bilden. Diese kritische Reflexion intramuslimischer Herrschaftsverhältnisse und Sozialisationsinhalte wird ihr jetzt von unkritischen Migrationsforschern als Verrat vorgeworfen, - verletzt sie damit doch deren kulturrelativistisches Grundtabu. Ganz offensichtlich soll hier die realitätsadäquate Aufdeckung von Tatsachen und Zusammenhängen stigmatisiert werden. Während nämlich die weiblichen Heranwachsenden das normative Korsett der islamischen Familienmoral zumeist passiv erleiden und mitunter sekundär rationalisieren, haben sich viele männliche Jugendlichen einen vulgären Macho-Islam zurechtgezimmert, der je nach Bedarf utilitaristisch eingesetzt wird: Während man gegenüber den eigenen Schwestern und weiblichen Verwandten die Rolle des repressiven Sittenwächters einnimmt, werden "unislamische" Verhaltensweisen systematisch diskriminiert und auch teilweise aggressiv attackiert. Einheimische Frauen in "westlicher" Kleidung und muslimische Frauen, die sich unverschleiert in der Öffentlichkeit zeigen, gelten als moralisch minderwertige Wesen und „Freiwild“. So wird in einer Studie über demokratiegefährdende Phänomene in Berlin-Kreuzberg festgestellt: „Tatsächlich haben wir in Interviews vielfach gehört, dass Frauen etwa als "Nutten" oder "Huren" beschimpft werden. Frauen in Deutschland, so heißt es unter nicht wenigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund "sind ja bereit und sie haben keine Moral." An anderer Stelle wird von verbalen Attacken wie "Du deutsche Nutte, halt's Maul!'" berichtet“ (Zentrum für demokratische Kultur 2003, S.129). Verwiesen wird auch darauf, dass diese diskriminierenden Attacken nach Aussagen einer Sozialarbeiterin bereits bei Kindern von Einwanderern aus der Türkei und arabischen Ländern anzutreffen sind. Demnach haben diese "Muslimkids" eine alleinstehende Frau mit folgenden Worten beleidigt: „Na, was bist denn du für eine Schlampe, das kann ja nicht sein, du lebst hier allein, und wieso hast du denn nicht einen Mann , und du hast wohl keinen ab gekriegt...'. Zum Alter der Kinder sagt sie: "Na die sind zwischen sechs und zwölf Jahren, also wirklich richtige Kinder“ ( ebenda, S.129f.). Deutschland ist kein islamophobes, sondern ein islamophiles Land, wo in der Öffentlichkeit kaum über die wirklichen Grundübel der islamischen Herrschaftskultur gesprochen werden darf. Frau Kelek und andere mutige Autorinnen haben ein Tabu durchbrochen und dafür werden sie jetzt mit pseudowissenschaftlichen Bannworten gescholten. Solange sich hierzulande aber die vorgebliche „Migrationswissenschaft“ in den Händen solcher islamophiler Kulturrelativisten und zensierender Tabusetzer befindet, ist es um die Herausbildung eines angemessenen Integrationsdiskurses schlecht bestellt. Die soziokulturelle Grundvoraussetzung einer gelingenden Integration ist nicht selbstverleugnende Nachgiebigkeit, sondern das konsequente Einfordern von Respekt gegenüber der säkular-demokratischen Grundordnung. Unterzeichner: C. Die Debatte in der ZEIT und in der Frankfurter Rundschau Mehr Gerechtigkeit für Muslime! Petition der Migrationsforscher.
Die ZEIT vom 2.2.06 Entgegnung von Necla Kelek: Die ZEIT vom 2.2.05 Vorbild für junge Migrantinnen - Im Kampf gegen Zwangsheiraten
verteidigt Rahel Volz von Terre des Femmes die Soziologin Necla Kelek
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