Vor dem Urknall: Anfang oder Ewigkeit der Welt?

Vortrag von Rüdiger Vaas
Redakteur der Monatszeitschrift „bild der wissenschaft“

Datum: 27.6.04
Beginn:14.00 Uhr
Ort: Giordano Bruno Akademie, Mastershausen

Ob das Universum einen Anfang in der Zeit hat oder seit unendlicher Zeit existiert, ist seit Jahrtausenden umstritten. der Philosoph Immanuel Kant glaubte sogar, man könne sowohl das eine als auch das andere beweisen und wollte die Zeit daher ganz aus der objektiven, bewusstseinsunabhängigen Welt verbannen. Seither ist die Frage in der Philosophie weitgehend verschwunden, dafür gärt sie in der modernen Kosmologie jetzt umso stärker. Woher stammen Raum, Zeit, Materie und Energie? Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Und ist es überhaupt sinnvoll zu fragen, was vor dem Urknall geschah?

Über die Ereignisse eine Billionstel Sekunde nach dieser mysteriösen Weltentstehung wissen Kosmologen heute schon gut Bescheid. Doch jetzt versuchen Stephen Hawking & Co. auch noch die letzte Grenze menschlicher Erkenntnis zu sprengen und zu erklären, wie es zum Urknall kam. Vielleicht stand die Kollision mit einem anderen Universum am Anfang oder eine unfassliche Intelligenz, eine Zeitschleife, ein großer Kollaps - oder aber buchstäblich nichts? Oder ist der Kosmos doch ewig, der Urknall nur ein Übergang und unser Universum womöglich bloß eines unter Myriaden?

Rüdiger Vaas, Philosoph, Publizist sowie Astronomie- und Physik-Redakteur der Monatszeitschrift "bild der wissenschaft" gelang es vor rund 60 Gästen, (vorläufige) Antworten auf diese spannenden Fragen zu finden. Sein Vortrag vermittelte einen auch für Laien verständlichen Überblick über den aktuellen Forschungsstand der Kosmologie. In der anschließenden Diskussion beantwortete Vaas Fragen zur Stringtheorie , erläuterte das Konzept des "Multiversums" und klärte das Publikum darüber auf, warum extraterrestrisches Leben aus kosmologischer Perspektive keineswegs unwahrscheinlich sei.

Vortrag und Diskussion zeigten einmal mehr, dass die geozentrische Perspektive der traditionellen Religionen mit dem wissenschaftlichen Weltbild heute weit weniger noch zu vereinbaren ist als zu Giordano Brunos Zeiten. Selbst wenn man unbedingt ein göttliches Wesen für den Urknall oder ähnliche Phänomene verantwortlich machen wollte, so würde dieser vermeintliche Schöpfungsakt offenkundig keinen Sinn ergeben. Schließlich ist nicht nur der Untergang unseres Heimatplaneten Erde vorprogrammiert, wahrscheinlich wird irgendwann einmal unser gesamtes Universum dem "Kältetod" unterliegen. Dass es neben unserem Universum vielleicht noch andere Universen geben könnte, mag tröstlich erscheinen, ist aber bei genauerer Betrachtung für die Menschheit existentiell kaum von Bedeutung. Wie Herbert Steffen, Vorsitzender der GBS, abschließend feststellte, kommen wir daher kaum umhin, uns unseren eigenen, zeitlich begrenzten Sinn selbst zu erfinden. In diesem faszinierenden, aber grundweg sinnlosen Kosmos, der uns umgibt, gibt es hierzu keine Alternative.