Humanismus und Aufklärung als Leitkultur Europas?


Vortrag von Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider
Sonntag, 6.2.05, 14.00 Uhr
Giordano Bruno Akademie, Mastershausen

Während konservative Politiker wie der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU Christoph Böhr eine christlich-patriotische Leitkultur („Werte des christlichen Abendlandes“) einklagen und zum Kulturkampf gegen „gott- und vaterlandslosen Gesellen“ aufrufen, träumen Vertreter der rot-grünen Bundesregierung von einer „multikulturellen Gesellschaft“ und einer „Einbürgerung des Islam“ (Marieluise Beck) inklusive eines „flächendeckenden Angebots von Islamunterricht an deutschen Schulen“ (Renate Künast). Die Giordano Bruno Stiftung hält beide Strategien für verfehlt: Weder die konservative Wiederbelebung der Idee einer „christlichen Festung Europa“ noch die rot-grüne Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Islam werden das Projekt einer „offenen Gesellschaft“ voranbringen. Vielmehr sollten wir heute konsequenter als je zuvor auf jene Leitkultur setzen, mit der der gesellschaftliche Fortschritt in der europäischen Geschichte tatsächlich verknüpft war, nämlich dem Zusammenspiel von diesseitigem Humanismus und wissenschaftlicher Aufklärung.

Bernulf Kanitscheider, Professor für Philosophie und Naturwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen, der neben Büchern zur Kosmologie und Naturphilosophie auch Gedanken zu einer hedonistischen Lebensorientierung („Von Lust und Freude“) veröffentlicht hat, rief in seinem Vortrag die lange Tradition der europäischen Aufklärung darstellen und ihre befreiende Wirkung bis heute in Erinnerung. In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Frage, was getan werden müsse, um humanistisches und aufklärerisches Gedankengut noch stärker in der Gesellschaft zu verankern. Außerdem wurde über das problematische Verhältnis von Islam und Aufklärung diskutiert sowie über die Gründe, warum die Integration der Menschen, die aus dem islamischen Kulturkreis stammen, so ungemein schwierig ist.

Das Manuskript des Vortrags finden sie hier.