„Die Kirche ist an einer Aufdeckung der Missbrauchsfälle nicht interessiert“

gbs-Stellungnahme zur Kündigung der Zusammenarbeit zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen

(11.01.2013)

Mit deutlichen Worten hat der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, die „mangelnde Aufklärungsbereitschaft der katholischen Bischöfe in Sachen Missbrauch“ kritisiert. Dass der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) seine Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) mit sofortiger Wirkung gekündigt hat, zeige, „dass die Kirche an einer konsequenten Aufdeckung der Missbrauchsfälle nicht interessiert ist“, erklärte Schmidt-Salomon am Freitagmorgen am Stiftungssitz in Oberwesel.


Der Stiftungssprecher bezeichnete die Zusatzvereinbarungen, die die Kirche dem KFN im vergangenen Jahr aufzwingen wollte, um die Arbeit des Instituts kontrollieren und die Veröffentlichung der Missbrauchs-Studie notfalls nach eigenem Ermessen zensieren zu können, als „skandalös“: „Es wundert mich nicht, dass sich Professor Christian Pfeiffer, der Direktor des KFN, auf diese Zwangskonditionen nicht eingelassen hat. Kein seriöser Forscher hätte dies getan! Dass die Bischofskonferenz nun auch noch per Unterlassungserklärung verhindern möchte, dass Pfeiffer in Bezug auf diese Vorgänge von unangemessenen Zensur- und Kontrollwünschen spricht, setzt dieser Farce die Krone auf. Es ist doch offenkundig, dass die Kirche ein Gutachten nach ihrem Geschmack wollte. Als sich zeigte, dass sich Pfeiffer nicht in diesem Sinne manipulieren ließ, haben die Bischöfe die Notbremse gezogen, was sie in dieser Form natürlich niemals öffentlich zugeben würden.“

Keine Überraschung sei es gewesen, dass der Widerstand gegen die KFN-Studie sich ursprünglich vor allem in den Bistümern München und Regensburg regte: „Der Münchener Bischof, Kardinal Marx, hat sich zwar als großer Aufklärer in Sachen Missbrauch präsentiert, aber stets höchsten Wert darauf gelegt, selbst darüber bestimmen zu können, welche pikanten Informationen aus seinem Bistum an die Öffentlichkeit dringen und welche nicht. Und von dem prozesswütigen damaligen Regensburger Bischof und heutigen Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, mit dem ich ja selbst schon das Vergnügen einer gerichtlichen Auseinandersetzung hatte, ist hinreichend bekannt, wie ungern er sich von anderen ins Handwerk pfuschen lässt. Es war geradezu undenkbar, dass er einer außenstehenden, unabhängigen Kraft das Recht einräumen würde, Missbrauchsfälle innerhalb kirchlicher Einrichtungen autonom zu untersuchen."

Zudem dürfe man, so Schmidt-Salomon, in diesem Zusammenhang auch nicht übersehen, "dass die beiden Bistümer München und Regensburg in besonderer Weise mit dem Wirken des heutigen Papstes verbunden sind": "In Regensburg lehrte er jahrelang an der Universität, hier wirkte sein Bruder als Leiter der Regensburger Domspatzen, von hier aus wird die Herausgabe seiner theologischen Schriften betreut. Und in München wirkte Joseph Ratzinger bekanntlich als Bischof. Hätte das KFN in diesen beiden Bistümern Missbrauchsfälle aufgedeckt, die in irgendeiner Weise Benedikt XVI. belasten würden, hätte dies weitreichende Konsequenzen für die Kirchenführung haben können. Kein Wunder, dass man solch peinliche Enthüllungen bereits im Ansatz verhindern wollte.“

Schmidt-Salomon hofft nun, dass Christian Pfeiffer trotz des Endes der Zusammenarbeit mit der Kirche „seine wichtige Forschungsarbeit fortsetzen wird“: „Das KFN hat an alle kirchlichen Missbrauchsopfer appelliert, freiwillig an einer anonymen Fragebogenerhebung des Instituts mitzuwirken. Es wäre gut, wenn sich möglichst viele von ihnen an das KFN wenden würden, damit zumindest die geplante Opferbefragung noch durchgeführt werden kann.“


Über diese Kontaktdaten kann der Fragebogen des KFN angefordert werden:
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)
Lützerodestr. 9
D-30161 Hannover
Mail: kfn@kfn.de

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