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10 Fragen und Antworten

8. Würde das Sozialsystem ohne das Engagement der Kirchen nicht völlig kollabieren?

Die meisten sozialen Einrichtungen der Kirchen (etwa Krankenhäuser, Altersheime, Kinderheime, Therapieeinrichtungen) werden in Deutschland komplett von der öffentlichen Hand, durch Versicherungsbeiträge und die Beiträge der Betroffenen finanziert. Nur in einem kleinen Segment (beispielsweise Kindergärten und Beratungsstellen) müssen die Kirchen einen geringen Teil der Kosten selber tragen. Dieser Betrag wird jedoch mehrfach kompensiert durch die Milliardensubventionen, die die Kirchen Jahr für Jahr (neben den Kirchensteuern) aus dem allgemeinen Steuertopf erhalten.

So wissen nur die allerwenigsten Bundesbürger, dass beispielsweise die Gehälter vieler Bischöfe nicht über die Kirchensteuern gedeckt werden, sondern dass dafür u.a. auch konfessionsfreie Menschen mit ihren Steuerzahlungen aufkommen müssen. Würden die verfassungswidrigen Privilegien der Kirchen endlich gestrichen, könnte der Staat pro Jahr viele Milliarden Euro sparen, so dass der notwendige Ausbau des Sozial- und Bildungssystems finanzierbar wäre.

9. Haben Nationalsozialismus und Stalinismus im 20. Jahrhundert nicht viel schlimmer gewütet als sämtliche theistischen Religionen? Und sind letztere nicht notwendig, um den Rückfall in die Barbarei zu verhindern?

Nationalsozialismus und Stalinismus waren politische Religionen, die alle Eigenschaften besaßen, die vitale Glaubenssysteme auszeichnen: Sie verfügten über „unantastbare Propheten“, die behaupteten, privilegierten Zugang zur „absoluten Wahrheit“ zu haben, „heilige Schriften“, die niemals in Frage gestellt werden durften, hierarchisch gegliederte „Priesterschaften“, die das jeweilige Evangelium sklavisch verkündeten, „Ketzer“, die den Mut aufbrachten, gegen Dogmen zu verstoßen, sowie „Inquisitoren“, die jene Ketzer erbarmungslos verfolgten.

Aufgrund der vielen strukturellen Ähnlichkeiten der politischen Religionen mit den traditionellen „Hochreligionen“ ist es nicht verwunderlich, dass das etablierte Christentum nicht in der Lage war, die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland zu verhindern. Im Gegenteil: Es war, abgesehen von einigen wenigen christlichen Widerstandskämpfern, eine zentrale Stütze des Systems. Da manche Bischöfe und Journalisten sich in jüngster Zeit dadurch hervortaten, ausgerechnet den Atheismus für die Gräuel des Nationalsozialismus verantwortlich zu machen, muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass unter Hitler „Gottgläubigkeit“ gewissermaßen zur Staatsdoktrin wurde. Die Mehrheit der Nazigefolgschaft bekannte sich zum christlichen Glauben, eine Minderheit verstand sich als ‚gottgläubig’ etwa im Sinne des Himmlerschen Esoterik- Kultes. Atheisten hingegen waren sowohl in der NSDAP als auch in der SS unerwünscht, da ‚Gottlosigkeit’ als Ausdruck des „zersetzenden jüdischen Geistes“ galt. Dies hatte weitreichende politische Konsequenzen: Während die Freidenkerverbände sofort nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ verboten wurden (in der ehemaligen Berliner Zentrale der Freidenker richtete die Evangelische Kirche sogar mit Segen der NSDAP die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums” ein!), schloss Nazideutschland mit dem Vatikan das verhängnisvolle „Reichskonkordat“ ab, von dem die Kirchen bis heute profitieren! Im Vorfeld des Konkordats verschaffte ausgerechnet die katholische Zentrumspartei der NSDAP die nötigen Stimmen zur Durchsetzung des sogenannten Ermächtigungsgesetzes, das die Nazi-Tyrannei erst ermöglichte.