»Apocalypse no!« [1]
Die aktuelle Ausgabe des bruno.-Jahresmagazins macht Mut zur Zukunft
Autoritäre Kräfte nutzen das Zerrbild einer »dunklen Zukunft«, um sich als Lichtgestalten zu inszenieren. Dass sie dabei, wie US-Milliardär Peter Thiel, auf die biblische »Apokalypse« (»Offenbarung des Johannes«) zurückgreifen, unterstreicht den religiösen Charakter dieser Strategie. Seit jeher versucht die Giordano-Bruno-Stiftung, dem apokalyptischen Denken entgegenzuwirken, was auch das Titelthema des aktuellen »bruno.«-Magazins erklärt: »Go Future! Die offene Zukunft und ihre Freunde«.
In der Titelgeschichte des Hefts (ab S. 50) erläutert Florian Chefai, warum es gerade heute wichtig ist, Zukunftsvertrauen wiederzugewinnen, statt auf die Wiederkehr einer »guten alten Zeit« zu hoffen, die es bei genauerer Betrachtung nie gegeben hat. Um den für jede Gesellschaft essenziellen Glauben an möglichen Fortschritt wiederzubeleben, sei es notwendig, so Chefai, lösungsorientierte Ansätze gegenüber problemorientierten Sichtweisen zu stärken. Was dies auf ökologischem Gebiet bedeutet, verdeutlicht der Artikel u.a. an dem von Michael Braungart (gbs-Beirat) mitentwickelten Konzept »Cradle to Cradle« (C2C), das konkrete Lösungen für einen »intelligenteren Stoffwechsel mit der Natur« entwickelt.
Lösungsorientiert ist auch der Ansatz, den Philipp Möller mit dem »Zentralrat der Konfessionsfreien« verfolgt (siehe das ausführliche Interview mit dem Zentralratsvorsitzenden ab S. 18). Statt über Politiker zu schimpfen, die dem gesellschaftlichen Säkularisierungsprozess hinterherhinken, geht er mit konstruktiven Vorschlägen auf die Entscheidungsträger zu. Ähnlich agiert der »Arbeitskreis Politischer Islam«, der in der kurzen Zeit seines Bestehens beachtliche Erfolge feiern konnte. Dabei richtet sich der AK Polis »Gegen Islamismus UND Muslimenfeindlichkeit« (vgl. S. 30 ff.) – eine Doppelstrategie, die sowohl im linken wie auch im rechten Lager für Verwirrung sorgt.
Ein Plakatmotiv der 2026 u.a. vom AK Polis durchgeführten »Akzeptanzkampagne für Vielfalt im Islam« zeigt ein schwules muslimisches Paar – was auf das Thema verweist, das in dem Artikel »Wer den Sex kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft« (ab S. 42) behandelt wird. Der Text erklärt, worum es im Streit um Abtreibung und Geschlechtsidentität geht und weshalb sexuelle und politische Unterdrückung eng miteinander verknüpft sind. Wie hart das Gebiet der Sexualpolitik seit jeher umkämpft ist, verrät nicht zuletzt das ausführliche Portrait über die Streitschriftstellerin und gbs-Beirätin Esther Vilar (ab S. 6), die mit dem Buch »Der dressierte Mann« die Republik erschütterte und im vergangenen Jahr ihren 90. Geburtstag feierte.
Vorweggenommener Kommentar zum CSD-Anschlag
Die Arbeit an der aktuellen bruno.-Ausgabe wurde am 20. Juli abgeschlossen. Fünf Tage später verübte der Islamist Abdul Ballout einen Anschlag auf den Berliner CSD. Dieses Ereignis konnte im Heft logischerweise nicht berücksichtigt werden – und doch lesen sich die beiden »bruno.«-Artikel zu »Islamismus & Muslimfeindlichkeit« und »Sex & Kontrolle« wie ein vorweggenommener Kommentar zum Berliner Anschlag. Denn es ist beileibe kein Zufall, dass religiöse Eiferer besonders aversiv auf sexuelle Selbstbestimmungsrechte reagieren. »Tatsächlich«, so heißt es im Magazin, »sind die Gefahren, die vom Islamismus ausgehen, nicht zuletzt das Produkt einer ideologisch fehlgeleiteten sexuellen Energie.«










