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»Go Future!« [1]

Das diesjährige gbs-Schwerpunktthema konzentriert sich auf Lösungen – statt auf Probleme

2026/01/01

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Die Zukunft lässt sich nicht mit einem »Salto mortale« in die Vergangenheit retten. Dass rückwärtsgewandte Ideologien mit ihrem Fokus auf »Volk«, »Nation« und »Religion« so attraktiv geworden sind, hängt damit zusammen, dass viele Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren haben. Dem möchte die Giordano-Bruno-Stiftung mit ihrem diesjährigen Schwerpunktthema entgegenwirken.

Populisten profitieren von dem Misstrauen der Menschen untereinander: von der Angst vor »den Fremden«, die als Bedrohung erlebt werden, der Orientierungslosigkeit, die durch soziale, technologische oder ökonomische Veränderungen hervorgerufen wird, sowie der Furcht vor Katastrophen, Kriegen, Verbrechen und Terror, die von interessierten Kreisen (etwa Putins »Troll-Armeen«) zusätzlich geschürt wird. Hinzu kommt die durch die Corona-Krise noch einmal verstärkte Überzeugung, dass »die da oben« sich dazu verschworen haben, die »einfachen Leute« auszubeuten und hinters Licht zu führen.

Wer in dieser »apokalyptischen Matrix« gefangen ist, sieht vor allem die Probleme und Übel dieser Welt – und verliert dabei aus dem Blick, welch enorme Fortschritte unsere Spezies im Verlauf der kulturellen Evolution bereits erzielen konnte. Zwar leben wir gewiss nicht in der »besten aller Welten«, jedoch unter den freiesten und fairsten Verhältnissen, die die Menschheit bisher hervorbringen konnte (auch wenn es in den letzten 10 Jahren durch Krieg, Corona, Klimawandel und den Aufstieg identitärer Gruppenideologien [3] wieder zivilisatorische Rückschritte gegeben hat). Vor allem Europäer »jammern« heute auf sehr hohem Niveau, weil sie vieles für selbstverständlich halten, was im internationalen und historischen Vergleich keineswegs selbstverständlich ist. Wer dies bestreiten mag, werfe einen Blick auf die Welt vor 100 Jahren, die noch deutlich düsterer war als die Welt von heute.

Mit ihrem Schwerpunkt »Go Future! Die offene Zukunft und ihre Freunde« will die Giordano-Bruno-Stiftung die Aufmerksamkeit auf produktive Lösungen lenken, die wir voranbringen sollten, statt vor Angst zu erstarren, weil wir von der Bandbreite der globalen Probleme überwältigt sind. Letztlich geht es dabei um die Wiedergewinnung des »Zukunftsvertrauens«, das von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Fortschritt ist, wie u.a. der letztjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Joel Mokyr in seiner Forschung nachgewiesen hat.

Eine bessere Welt ist möglich

Die Menschheit – so die Kernbotschaft des diesjährigen Schwerpunktthemas – hat trotz aller Unkenrufe das Potenzial, freiere, gerechtere, intelligentere und zukunftstauglichere Verhältnisse zu schaffen, als wir sie gegenwärtig vorfinden. Was dies beispielsweise auf dem Gebiet der Ökologie bedeutet, zeigt das Konzept »Cradle to Cradle« (C2C), das von dem deutschen Chemiker und gbs-Beirat Michael Braungart in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt wurde. Mit »Cradle to Cradle« (wörtlich: »Wiege zur Wiege«), könnten wir die noch immer vorherrschende, kurzsichtige Produktionsweise von der Wiege der Rohstoffgewinnung ins Grab der Sondermülldeponie überwinden und einen sozial, ökonomisch und ökologisch intelligenteren »Stoffwechsel mit der Natur« entwickeln.

Längst ist C2C in der Praxis angekommen und hat national wie international wichtige Unterstützer in Politik und Wirtschaft gefunden. Beim 10. Internationalen C2C-Congress [4], der vom 17. bis 18. September in Berlin stattfindet, werden abermals rund 1000 Teilnehmer*innen und 80 Referent*innen (darunter die gbs-Mitglieder Michael Braungart, Monika Griefahn und Michael Schmidt-Salomon) erwartet. Die gbs unterstützt die C2C-NGO von Beginn an. Denn letztlich wird die Menschheit nur dann ihrer planetaren Verantwortung im »Anthropozän« (siehe Schwerpunktthema 2024) gerecht werden, wenn sie nicht nur ihren »negativen ökologischen Fußabdruck« verkleinert, sondern zugleich ihren »positiven ökologischen Fußabdruck« vergrößert.

Indem wir intelligentere Produkte entwickeln, die nicht bloß unproblematisch, sondern förderlich für die Biosphäre sind, wandeln wir uns von »Umweltschädlingen« zu »Umweltnützlingen«. Auf diese Weise lässt sich dann auch der »futurologische Imperativ« verwirklichen, den Karl Marx bereits vor eineinhalb Jahrhunderten formuliert hat: »Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Nutznießer, und haben sie den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.«

Ein Weltbild auf der Höhe der Zeit

Umsetzen lässt sich diese Maxime wohl nur, wenn wir ein Weltbild »auf der Höhe der Zeit« entwickeln – und dies gelingt eben nicht durch den Rückgriff auf überholte Konzepte von »Volk«, »Nation« und »Religion«, die häufig mit irrationalen, wissenschafts- und menschenrechtsfeindlichen Vorstellungen verbunden sind. Besorgniserregend in diesem Zusammenhang ist, dass derartige Vorstellungen, die eigentlich schon als überwunden galten, nun ausgerechnet in der jüngeren Generation besonderen Anklang finden. So kam die »große fowid-Umfrage 2025« [5] zu dem Ergebnis, dass weltanschaulich progressive, rationale und evidenzbasierte Haltungen heute eher bei der älteren als bei der jüngeren Generation zu finden sind – vor zwanzig Jahren, als fowid erstmals empirische Forschungsergebnisse zu diesem Themenkomplex veröffentlichte, war das Verhältnis noch umgekehrt.

Vermutlich zeigt sich hier bereits die Wirkung des verstärkten Engagements religiöser oder nationalistischer Influencer auf den sozialen Plattformen, die Konzepte der amerikanischen MAGA-Bewegung auf deutsche Verhältnisse übertragen. (Teilweise geschieht dies sogar mit finanzieller Unterstützung der Katholischen Kirche, siehe hierzu die aktuellen ARD-Dokumentationen »Kreuzzug von rechts« [6] und »Die hippen Missionare« [7]). Wie kann man dieser gezielten Manipulation von Jugendlichen entgegenwirken? Wahrscheinlich wird es nicht ausreichen, die gravierenden Falschdarstellungen in den Propagandakanälen bloß zu kritisieren – denn warum sollten junge Menschen, die glauben, eine verlässliche Orientierung im Leben gefunden zu haben, ihre »hoffnungsvollen Illusionen« gegen »trostlose Wahrheiten« eintauschen? Die gbs wird daher in diesem Jahr verstärkt Wert darauf legen, die emotional positiven Aspekte aufzuzeigen, die mit einer rational-aufgeklärten, humanistischen Weltsicht einhergehen.

Dies betrifft nicht zuletzt auch das Gebiet der »Spiritualität«, das in der jüngeren Generation hoch im Kurs steht. In diesem Zusammenhang wird es u.a. darum gehen, mit zielgruppengerechten Formaten in den sozialen Medien klarzustellen, dass »Spiritualität nicht bedeuten sollte, sich aus der Wirklichkeit fortzulügen, sondern sich der Realität mit schonungsloser Ehrlichkeit zu stellen«, sagt gbs-Vorstand Michael Schmidt-Salomon. »Wer diese Herausforderung annimmt, erkennt schnell, dass die Realität keineswegs trostlos und banal ist. Bei genauerer Betrachtung nährt sie ›den Sinn und Geschmack fürs Unendliche‹ sogar besser als jede religiöse Heilserzählung. Denn die Wissenschaft hat die Welt nicht nur ›entzaubert‹, sondern ihr zugleich einen ›neuen Zauber‹ verliehen, indem sie uns den Blick auf die unendlichen Weiten eines Universums eröffnete, das sehr viel geheimnisvoller ist, als es sich sämtliche Religionsstifter hatten vorstellen können.«

Eine wünschenswerte Zukunft

Neben der Fokussierung auf produktive Lösungsansätze (wie C2C) und dem Herausstellen der emotional positiven Aspekte eines zeitgemäßen Weltbildes sollen im Rahmen des Schwerpunktthemas eine Reihe weiterer zukunftsrelevanter Fragen behandelt werden. Ein Thema, das bei vielen Menschen Ängste erzeugt, obgleich es auch enorme Chancen bietet, ist der Einsatz von »Künstlicher Intelligenz« (KI). Hiermit wird sich das (ebenfalls von der gbs unterstützte) Kortizes-Symposium »Der Geist in der Maschine« [8]auseinandersetzen, das vom 2. bis 4. Oktober in Nürnberg stattfindet. Mit zukunftsrelevanten Themen wird auch die dritte Ausgabe des »Philo.live!«-Festivals [9] aufwarten können, das für den Zeitraum vom 20. bis 23. November in Berlin geplant ist. Gezielt der Frage nach einer »wünschenswerten Zukunft« widmet sich der Essay-Wettbewerb [10], den das »Hans-Albert-Institut« (HAI) zum 80. Geburtstag des Philosophen und Bioethikers Dieter Birnbacher ausgeschrieben hat. Die Gewinnerbeiträge sollen im November 2026 im Rahmen einer Veranstaltung am Stiftungssitz vorgestellt werden.

In Anspielung auf eine Veröffentlichung des 2023 gestorbenen Wissenschaftstheoretikers Hans Albert sehen die gbs-Vorstände Michael Schmidt-Salomon und Ulla Wessels das Schwerpunktthema im Spannungsfeld von »Konstruktion und Kritik«: »Nachdem wir im vergangenen Jahr die Kritik an identitären Gruppenideologien ins Zentrum unserer Arbeit gestellt haben [11], wollen wir in diesem Jahr die konstruktiven Elemente betonen, die mit einem aufgeklärten, evolutionär-humanistischen Weltbild verbunden sind.«

Dabei werde die gbs allerdings die Kritik an religiösen oder politischen Ideologien nicht vernachlässigen, betonen Wessels und Schmidt-Salomon. »Wir werden weiterhin den »Arbeitskreis Politischer Islam« [12] (AK Polis) unterstützen und mit dem »Institut für Weltanschauungsrecht« [13] (ifw) juristische Verfahren begleiten. Schon im Januar steht ein Prozess gegen vier Exiliraner an, die sich in Hamburg wegen vermeintlicher ›Gotteslästerung‹ [14] verantworten müssen. Im Februar folgt die nächste Verhandlung im Fall des Lippstädter Gynäkologen Joachim Volz [15], der aufgrund religiöser Dogmen keine Schwangerschaftsabbrüche mehr durchführen darf. Auch werden wir an unserer zentralen bildungspolitischen Forderung, die wir im vergangenen Jahr mit dem Schwerpunktthema ›Mein Kopf gehört mir: Lernen für die offene Gesellschaft‹ [16] erneut in den Fokus gerückt hatten, festhalten: ›Gemeinsam Ethik statt getrennt Religion‹. In enger Zusammenarbeit mit dem ›Zentralrat der Konfessionsfreien‹ [17]und nun auch im Schulterschluss mit der GEW [18]werden wir uns für ›bekenntnisfreie Schulen‹ und einen ›verpflichtenden Ethikunterricht für alle‹ stark machen. Man sieht: Die spannenden Themen werden uns auch 2026 nicht ausgehen.«


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