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Die Kunst des produktiven Streitens

Band 8 der gbs-Schriftenreihe erklärt, wie rationale Debatten gelingen können

"Die deutsche Diskussionskultur befindet sich in einer Krise. Es wird gegeneinander angeredet, nicht mehr produktiv miteinander gestritten." Mit dieser Feststellung beginnt der soeben erschienene achte Band der gbs-Schriftenreihe. Die Autoren Tobias Wolfram, Felix Urban, Michael Tezak und Johannes Kurzbuch untersuchen in ihrem prägnant formulierten Text nicht nur die Ursachen für die oft sehr unproduktiven Debatten unserer Tage, sondern zeigen auch Möglichkeiten auf, wie wir diese Misere überwinden können.

"Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit – ein kluger Gegenentwurf zu dem brandgefährlichen identitären Lagerdenken, das immer stärker um sich greift!", sagt Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. "Was mich besonders freut, ist, dass sich hier Autoren, die deutlich unter 30 Jahre alt sind, des wichtigen Themas der rationalen Streitkultur angenommen haben. Das macht Hoffnung. Denn es zeigt, dass es auch in der jungen Generation Menschen gibt, die begriffen haben, wie wichtig es ist, rational und faktenbasiert zu argumentieren, statt sich mit moralischem Eifer über die vermeintliche Schlechtigkeit 'der Anderen' zu empören!"

Hervorgegangen ist das Buchprojekt aus dem gbs-Sommerforum im letzten Jahr, zu dem die Stiftung gezielt Nachwuchstalente eingeladen hatte. Auf dem Treffen wurde auch das diesjährige gbs-Schwerpunktthema "Die hohe Kunst der Rationalität: Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten" vereinbart, zu dem die Gruppe um Tobias Wolfram einen Broschürentext formulieren sollte. "Am Ende ist ihr Manuskript so stark angewachsen, dass wir entschieden, es im Rahmen der gbs-Schriftenreihe herauszubringen", erklärt der Stiftungssprecher. "Dadurch stehen Tobias Wolfram, Felix Urban, Michael Tezak und Johannes Kurzbuch nun an der Seite solch prominenter Persönlichkeiten wie Richard Dawkins, Karlheinz Deschner, Peter Singer, Volker Sommer, Gerhard Vollmer, Hamed Abdel-Samad und Ensaf Haidar – was, wie ich hoffe, noch andere junge Autorinnen und Autoren ermutigen wird, sich mit eigenen Beiträgen in die Debatte einzubringen."

 
Engagement für eine rationale Streitkultur

Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des 8. Bandes der gbs-Schriftenreihe wies Schmidt-Salomon auf den "Appell für freie Debattenräume" hin, den die Journalisten Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser vor einigen Wochen initiiert haben: "Mit Hamed Abdel-Samad, Andreas Altmann, Reinhard Merkel, Axel Meyer, Jacqueline Neumann und mir zählen gleich sechs gbs-Mitglieder zu den Erstunterzeichnern dieses Appells, der inzwischen von weiteren 16.000 Menschen unterstützt wird. Gerade Autoren wie ich, die dem 'linken' oder 'linksliberalen' Spektrum zugeordnet werden, wurden in den letzten Wochen unter Druck gesetzt, da wir angeblich 'mit Rechten gemeinsame Sache machen'. Doch genau in diesem Vorwurf spiegelt sich das absurde Lagerdenken wider, gegen das sich der Appell richtet. Rationale Linke sollten begreifen, dass ein Argument nicht allein schon deshalb falsch ist, weil es beispielsweise von Birgit Kelle oder Peter Hahne stammt. Und sie sollten einsehen, dass sich 'rechte Denkmuster' nicht per 'Tröpfcheninfektion' übertragen, weshalb das Konzept der 'Kontaktschuld' komplett an der Realität vorbeizielt."

Für Schmidt-Salomon besteht die Stärke des Appells gerade in seiner heterogenen Ausrichtung: "Auf der Erstunterzeichnerliste stehen Persönlichkeiten, mit denen man als 'Freigeist' gerne in einem Atemzug genannt wird wie John Cleese ('Monty Python') oder Günter Wallraff, aber auch Personen, mit denen mich in weltanschaulicher oder politischer Hinsicht rein gar nichts verbindet – außer eben die Haltung, dass es besser ist, miteinander zu streiten, als jede kontroverse Debatte im Zuge einer ausufernden 'Cancel-Culture' im Ansatz zu ersticken. Für diese kritisch-rationale Haltung, die uns dazu motiviert, gerade auch mit denjenigen zu diskutieren, die anderer Meinung sind, habe ich schon in meinem Buch 'Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen' ganz entschieden plädiert. Und eben diese Haltung vertreten nun in mustergültiger Weise auch die Autoren des 8. Bandes der gbs-Schriftenreihe, deren glasklare Analyse ich nur jedem empfehlen kann, der sich für die Grundlagen einer rationalen Debatte interessiert."

Tobias Wolfram, Felix Urban, Michael Tezak, Johannes Kurzbuch
Produktives Streiten
Auswege aus einer defizitären Debattenkultur
Alibri/Denkladen 2020, 84 Seiten, geheftet, Euro 7.-
(Exklusiv erhältlich bei denkladen.de)

Nachtrag: Der Hinweis auf den "Appell für freie Debattenräume" hat - wie zu erwarten war - einige Diskussionen ausgelöst. Michael Schmidt-Salomon ging auf seiner Facebookseite auf die zentralen Einwände ein (1. "Cancel Culture gibt es nicht bzw. ist unproblematisch"; 2. "Es ist falsch, einen Appell mitzutragen, der auch von politisch rechtsorientieren Personen untertützt wird"). Wir dokumentieren nachfolgend die wichtigsten Aspekte seiner Argumentation:

(...) Ich denke, ich muss hier noch einmal verdeutlichen, worum es geht: Veranstaltungen mit Mina Ahadi und Hamed Abdel-Samad wurden abgesagt, weil Linke (!!!) ihnen vorwarfen, Rassisten (!!!) zu sein. Der gbs-Hochschulgruppe Mainz wurde vom dortigen ("linken") AStA der Hochschulgruppenstatus entzogen, weil die Gruppe sich weigerte, sich klar und eindeutig u.a. von der gbs und von Hamed Abdel-Samad zu distanzieren! Der hpd wurde von Facebook abgestraft, weil einige (rechte wie linke) Leute sich von Perscheids Karikaturen "beleidigt" fühlten usw. usf. Auf diese Weise kann eine Streitkultur ganz sicher nicht funktionieren! (...)

Zu den "Rechtsauslegern" bei den Erstunterzeichnern: Der momentane Aufschrei der Rechten rührt daher, dass die Zensurkeule, die sie zuvor recht rigoros gegen uns angewandt haben (etwa mithilfe des §166 StGB), sich nun auch (aber keineswegs nur!) gegen sie richtet. Allerdings lassen sich rechte Zensurbestrebungen nicht dadurch bekämpfen, dass man ihnen linke Zensurbestrebungen entgegensetzt, sondern indem man dieses Lagerdenken überwindet und entschieden für die produktive Streitkultur der Aufklärung eintritt. (...)

Zu den linken Kritiker*innen des Appells: In der "linken Community" lernt man, dass man nie und nimmer mit Rechten zusammenarbeiten darf. Warum? Weil man sie durch eine (auch nur partielle) Zusammenarbeit angeblich stärkt - und durch eine rigorose Ausgrenzung angeblich schwächt. Aber ist dies eine rationale, eine empirisch belegte These? Nein, ganz im Gegenteil. Sie ist eher Ausdruck unseres evolutionär erworbenen Stammesdenkens als Ausdruck eines rationalen politischen Kalküls. Wohin wir auch schauen, können wir feststellen, dass ausgrenzendes Lagerdenken zur Stärkung der Rechten und zur Polarisierung der Gesellschaft geführt hat. Der Grund dafür ist offensichtlich: Wer nicht in der Lage ist, rechten Kräften dort recht zu geben, wo sie recht haben, leistet ihnen die allerbeste Schützenhilfe, weil sie so mit halben Wahrheiten ganze Erfolge erzielen können (siehe AfD usw.). (...)

Hätten nur Rechte den "Appell für freie Debattenräume" unterzeichnet, so hätten wir ihnen auch noch dieses Feld überlassen, was ein fataler strategischer Fehler gewesen wäre! Durch ein "linkes Reinheitsangebot" (diskutiere nur mit denen, die mehr oder weniger deiner Meinung sind!) kann sich das emanzipatorische Denken ganz sicher nicht durchsetzen - auch wenn das "linke Bauchgefühl" (das im Sinne von Kahnemanns "schnellem Denken" auf emotinalen Prägungen aus der Vergangenheit basiert) uns einen ganz anderen Eindruck suggerieren mag. Fazit: Wir sollten die Debattenräume möglichst offen halten - und wirklich nur dort "canceln" (dann aber mit allen Mitteln des Rechtsstaates!), wo dazu aufgerufen wird, die Rechte Dritter zu verletzen (ein Recht auf ein generelles "Nicht-Beleidigtwerden" gibt es in der offenen Gesellschaft allerdings nicht, denn dies würde alle Freiheit untergraben).