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100 Jahre evolutionärer Humanismus

Sonder-Newsletter zum gbs-Schwerpunktthema 2023

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Foto von Yvonne Salzmann aus dem Zyklus „Being Human“

Es war nie leicht, auf den Fortschritt unserer Spezies zu vertrauen, doch Corona, Krieg und Klimawandel haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zusätzlich erschüttert. Deshalb setzt die Giordano-Bruno-Stiftung mit ihrem diesjährigen Schwerpunktthema "100 Jahre evolutionärer Humanismus" einen bewussten Kontrapunkt zu den weitverbreiteten Weltuntergangsszenarien unserer Zeit. Ein Ausblick auf das gbs-Schwerpunktthema 2023 von Michael Schmidt-Salomon.

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1923 erschienen zwei Bücher, die für die Entwicklung des evolutionären Humanismus von großer Bedeutung waren, nämlich das letzte Buch des russischen Anarchisten, Geologen und Universalgelehrten Pjotr Kropotkin ("Ethik: Ursprung und Entwicklung der Sitten") sowie das erste Buch des britischen Evolutionsbiologen und späteren UNESCO-Generaldirektors Julian Huxley ("Essays of a Biologist"). Beide Bücher verdeutlichten, dass der Mensch für die Verwirklichung humanistischer Werte seine "animalische Natur" keineswegs überwinden muss, sondern dabei auf Verhaltensweisen zurückgreifen kann, die sich bereits in der nichtmenschlichen Tierwelt entwickelt haben. Denn die Evolution hat nicht nur Konkurrenzdenken, Streit um Ressourcen oder gar einen "Krieg aller gegen alle" hervorgebracht, sondern auch Mitgefühl, Liebe, Hilfsbereitschaft und Kooperation.

Kropotkin hatte dies bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem wegweisenden Buch "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" (1902) aufgezeigt, mit dem er in genialer Weise die Kritik am sogenannten "Sozialdarwinismus" vorwegnahm. 1923 griff Julian Huxley Kropotkins Ideen zu einer "evolutionistischen Ethik" auf und arbeitete sie in den Folgejahren aus, wobei er unterschiedliche Begriffe verwendete, um seine Philosophie zu charakterisieren: Mal sprach er von einem "wissenschaftlichen Welt-Humanismus", mal von "humanistischer Religion", mal vom "Transhumanismus" und ab 1960 vom "evolutionären Humanismus" – ein Begriff, der diese spezielle Kombination von wissenschaftlichem Denken und humanistischen Werten wohl am treffendsten umschreibt.

 
"Das einzig Beständige ist der Wandel" (Charles Darwin)

"Evolutionär" ist der evolutionäre Humanismus in doppelter Hinsicht: Erstens, weil er den Menschen konsequent im "Lichte der Evolution" betrachtet (siehe hierzu den Schwerpunktartikel in bruno.2020), ihn also als ein Produkt der natürlichen Artentwicklung begreift, das sich von anderen Lebensformen auf der Erde nur graduell, nicht prinzipiell, unterscheidet. Und zweitens, weil der evolutionäre Humanismus den eigenen Wandel zum Programm erhoben hat, da jede menschliche Erkenntnis fehleranfällig und korrekturbedürftig ist. Aus diesem Grund unterscheidet sich der evolutionäre Humanismus von heute deutlich vom evolutionären Humanismus der 1960er Jahre (und wird sich der evolutionäre Humanismus der Zukunft vermutlich ebenso deutlich von unseren heutigen Auffassungen unterscheiden).

Das bedeutet nicht, dass der evolutionäre Humanismus beliebig wandelbar wäre, denn er hat sehr wohl einen "harten Kern": Konstitutiv für ihn ist beispielsweise der Glaube daran, dass sich die Menschheit in ethischer, intellektueller, technologischer und sozialkultureller Hinsicht weiterentwickeln kann. Evolutionäre Humanist*innen vertrauen darauf, dass Menschen das Potenzial besitzen, bessere, gerechtere und freiere Lebensverhältnisse zu schaffen, als wir sie heute vorfinden. Dabei wissen sie jedoch um die vielfältigen Gefährdungen der menschlichen Zivilisation, weshalb sie keineswegs davon ausgehen, dass die Zukunft notwendigerweise besser sein wird als die Gegenwart, allerdings: sie muss auch nicht notwendigerweise schlechter sein.

Da die Zukunft "offen" ist, begreifen sich evolutionäre Humanist*innen weder als Optimist*innen noch als Pessimist*innen, sondern als Possibilist*innen: Sie rechnen mit dem Schlimmsten, hoffen aber auf das Beste, wobei sie sich darum bemühen, ihren Teil dazu beizutragen, dass sich das positive, rationale, lebensbejahende Potenzial unserer Spezies eher entfalten kann als die ebenfalls in uns angelegte Neigung zu Gewalt, Irrsinn und Zerstörung.

 
"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten…" (Bertolt Brecht)

Dass dieses humanistische Vertrauen in die positiven Potenziale der Menschheit in letzter Zeit gelitten hat, kann man niemandem verdenken. Die Probleme liegen auf der Hand: Sind wir nicht drauf und dran, die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören, von denen wir allesamt abhängig sind? Beweisen die vielen populistischen oder totalitären Regime nicht, dass wir Menschen gar nicht in der Lage sind, vernünftig miteinander auszukommen? Zeigt der Krieg in der Ukraine nicht in aller Deutlichkeit, dass nicht Rationalität, Respekt und Rücksichtnahme, sondern Geld, Gier und Gewalt den Globus regieren?

Konzentriert man sich auf die Übel der Welt, kann man gut nachvollziehen, warum sich einige (vor allem jüngere) Menschen als Mitglieder einer "letzten Generation" begreifen. Allerdings: Um die aktuelle Gefahrenlage richtig einschätzen zu können, müssen wir sie in Relation zu früheren Zeiten setzen, was tatsächlich einiges relativiert. Blicken wir beispielsweise 75 Jahre zurück, ins Jahr 1948, als die Welt noch unter den Nachwirkungen des verheerenden 2. Weltkriegs mit seinen vielen Millionen von Toten litt: Damals kamen die entsetzlichen Gräueltaten des NS-Regimes allmählich erst ins Bewusstsein, gleichzeitig spitzte sich der Konflikt zwischen dem "kapitalistischen Westen" und dem "sozialistischen Osten" mehr und mehr zu, was die menschliche Zivilisation gleich mehrfach an den Rand der nuklearen Vernichtung führen sollte.

1948 hätte es zweifellos noch weit triftigere Gründe als heute gegeben, den Glauben an die Menschheit zu verlieren – und doch verabschiedeten die Vereinten Nationen (UN) in ebendiesem Jahr eines der hoffnungsvollsten und wegweisendsten Dokumente der Menschheitsgeschichte, nämlich die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte". Dass alle Menschen "frei und gleich an Würde und Rechten geboren" sind, war 1948 ein unerhörter, revolutionärer Satz, der mit den realen Verhältnissen in den allermeisten Ländern der Erde schwerlich in Einklang zu bringen war. Aber genau darin lag seine Stärke: Er verdeutlichte die tiefe Diskrepanz zwischen der humanistischen Utopie einer freieren, gerechteren Welt und den tatsächlichen Lebensverhältnissen. Die Menschenrechtserklärung war ein ungewöhnlicher, fast schon unwirklicher Lichtfunke in einer finsteren Zeit, ein Signal der Hoffnung, das anfangs nur wenige ernstnahmen, das aber im Laufe der Jahrzehnte zu bemerkenswerten politischen Veränderungen führte, von denen heute unzählige Menschen weltweit profitieren.

 
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" (Friedrich Hölderlin)

Die Giordano-Bruno-Stiftung hat sich vorgenommen, dem Beispiel der UN vor 75 Jahren zu folgen und kontrazyklisch zu agieren, indem wir den weitverbreiteten Untergangsszenarien unserer Tage die Utopie einer "besseren Welt" entgegenstellen. Dabei geht es keineswegs darum, die Probleme kleinzureden, sondern sie auf eine andere, nämlich lösungsorientierte Weise zu betrachten.

Beispiel Klimawandel: Natürlich kann man sich über die menschengemachte Klimaerwärmung moralisch empören, aber das löst erstens keine Probleme und beruht zweitens auf einer Fehleinschätzung, da man für den moralischen Vorwurf kontrafaktisch unterstellen müsste, dass die Menschheit in der Vergangenheit unter den gegebenen sozioökonomischen und technologischen Voraussetzungen die Möglichkeit besessen hätte, weniger ressourcenintensiv zu wirtschaften. Statt dem moralischen (und letztlich verschwörungsideologischen) "Gut-und-Böse"-Spiel zu verfallen, sollten wir uns darauf konzentrieren, die systemischen Bedingungen zu begreifen, die zur Umweltzerstörung geführt haben, und neue Ansätze zu entwickeln, die uns zu einem "intelligenteren Stoffwechsel mit der Natur" befähigen, wie es gbs-Beirat Michael Braungart mit seinem "Cradle to Cradle"-Ansatz vorgeschlagen hat.

Beispiel Totalitarismus: Statt wie ein Kaninchen vor der Schlange beim Anblick despotischer Charaktere wie Putin, Trump oder Erdogan zu erstarren, sollten wir unseren Blick darauf richten, wie viele Menschen sich gegen Despoten auflehnen, mit welchem Mut beispielsweise Abertausende Iranerinnen und Iraner seit Monaten gegen das totalitäre Mullah-Regime antreten. Ihr Beispiel verdeutlicht, dass Krisen stets auch mit Chancen verbunden sind: Denn sollte das Mullah-Regime tatsächlich fallen, wäre dies ein entscheidender Schlag gegen den politischen Islamismus weltweit, der von der iranischen Revolution einst seinen Ausgang genommen hat. Selbst der verbrecherische Überfall auf die Ukraine könnte auf lange Sicht weltpolitisch positive Konsequenzen nach sich ziehen – was freilich kein einziges Opfer wieder lebendig machen würde und die Kriegsverbrechen niemals entschuldigt. Doch immerhin: Eine Niederlage Putins könnte zur Folge haben, dass Angriffskriege künftig noch stärker geächtet werden als je zuvor.

Auch die gegenwärtige ökologische Krise birgt Chancen, denn sie könnte dazu beitragen, dass die Menschheit sich endlich ihrer planetaren Verantwortung im Anthropozän bewusst wird. Hierzu müssten wir nicht nur ein tieferes Verständnis der ökologischen Zusammenhänge entwickeln und politische Rahmenbedingungen setzen, die auf den aktiven Erhalt unserer "kleinen klimatischen Nische" ausgerichtet sind (zivilisatorisch sind wir auf eine "Warmzeit in einer Eiszeit" angepasst, die auch ohne menschliches Zutun irgendwann zu Ende gehen würde). Wir müssten auch die romantizistische Vorstellung überwinden, dass die Natur "gut" und der Mensch "böse" ist. Viele scheinen leider zu glauben, dass die Erde ohne Homo sapiens ein "paradiesischer Ort" wäre, was aber weder den biologischen noch den geologischen noch den kosmologischen Tatsachen entspricht. Auf absehbare Zeit bietet die Menschheit sogar die einzige realistische Chance darauf, dass komplexere Lebensformen auf diesem Planeten längerfristig existieren können, denn der nächste Asteroiden- oder Kometeneinschlag kommt bestimmt (sofern wir ihn nicht verhindern) und seine Folgen könnten für das Leben auf der Erde noch verheerender sein als der Einschlag, der vor 66 Millionen Jahren den Untergang der Dinosaurier besiegelte.

 
"Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" (Albert Schweitzer)

Wie schon Kropotkin und Huxley gezeigt haben, steht der Mensch weder über noch unter der Natur, sondern ist ein Teil von ihr. Nur wenn wir uns dies bewusst machen, können wir die "sakrosankte Trennlinie" überwinden, die in der traditionellen Philosophie wie in den meisten Religionen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren gezogen wurden. Nur unter dieser Voraussetzung begreifen wir, wie wenig uns "nackte Affen" von anderen biologischen Arten unterscheidet und dass auch wir bloß Leben sind, "das leben will, inmitten von Leben, das leben will". Auch dieses Thema, das den evolutionären Humanismus von traditionellen Formen des Humanismus unterscheidet, wird die gbs 2023 aufgreifen, zumal das "Great Ape Project" ("Grundrechte für Menschenaffen"), das wir vor mehr als einem Jahrzehnt wiederbelebt haben, in diesem Jahr sein 30. Jubiläum feiern kann.

"100 Jahre evolutionärer Humanismus", "75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" und "30 Jahre Great Ape Project" sind willkommene Anlässe, um nach all den Schreckensmeldungen der letzten Jahre die positiven Seiten unserer Spezies in den Fokus zu rücken. Dennoch wird das diesjährige Schwerpunktthema zweifellos weniger populär sein als das letztjährige Thema "Das säkulare Jahrzehnt". Denn gute Nachrichten sind (aus kommunikationstheoretischer Sicht) schlechte Nachrichten, da sich kaum jemand für sie interessiert. In der Regel empören wir uns nämlich weit mehr über das, was schief läuft, als dass wir uns für das begeistern könnten, was gut läuft oder noch besser laufen könnte. Auch diese Neigung zur tragischen Überempfindlichkeit scheint in der menschlichen Natur tief verankert zu sein, doch das bedeutet nicht, dass wir nicht daran arbeiten könnten, neben den Problemen, die uns belasten, verstärkt auch die Möglichkeiten zu erkennen, die sich uns bieten.
 

P.S. Selbstverständlich wird die gbs auch 2023 am Projekt des "säkularen Jahrzehnts" weiterarbeiten – schließlich handelt es sich dabei um einen "10-Jahres-Plan". Die ersten Aktionen auf diesem Gebiet sind bereits in Vorbereitung…