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Hochbegabte sprechen sich für humanistisches Förderwerk aus

Studie belegt starke Präferenz für religionsferne, wissenschaftsorientierte Positionen

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Das »Bertha von Suttner-Studienwerk« (BvS) ist auf die Interessen von Hochbegabten zugeschnitten, wird aber vom Staat bislang nicht gefördert (Bild: gbs/BvS)

Im Unterschied zu den religiösen Förderwerken wird das humanistische »Bertha von Suttner-Studienwerk« (BvS) bislang nicht staatlich gefördert, weil es hierfür angeblich »keinen Bedarf« gebe. Dies sehen die eigentlichen Adressaten solcher Studienwerke, nämlich hochbegabte Menschen, offenbar anders, wie eine Studie zeigt, deren Ergebnisse vorab von der »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid) veröffentlicht wurden.

Die von der Giordano-Bruno-Stiftung in Kooperation mit »Mensa in Deutschland« durchgeführte Studie belegt, dass sich Hochbegabte mit großer Mehrheit für ein humanistisch-naturalistisches Begabtenförderwerk aussprechen. So votieren 78 Prozent der 292 befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der »Mensa-Weltanschauungsstudie« für die Einrichtung eines Begabtenförderwerks, »das Personen mit humanistischem und naturalistischem Weltbild unterstützt«. Nur 8 Prozent der Befragten lehnen dies ab, 14 Prozent zeigen sich bei dieser Frage unentschieden.

Noch höher ist die Prozentzahl derer, die für die Gleichbehandlung eines solchen humanistisch-naturalistischen Studienwerks mit den bestehenden religiösen Förderwerken eintreten: 83 Prozent der Befragten stimmen für die Gleichbehandlung mit den religiösen Anbietern, nur 6 Prozent dagegen, 11 Prozent sind unentschlossen.

Relevante Gruppe für die Begabtenförderung

Wie der empirische Sozialwissenschaftler Tobias Wolfram in seinem ersten fowid-Artikel zu den Studienergebnissen betont (ein ausführlicherer wissenschaftlicher Fachaufsatz wird später folgen), ist die Stichprobe der »Mensa-Weltanschauungsstudie« nicht repräsentativ für die Bevölkerung insgesamt, jedoch aufschlussreich für die Frage der Begabtenförderung, da sie sich auf Hochbegabte konzentriert. Voraussetzung für eine Mensa-Mitgliedschaft ist ein Mindest-IQ von 130, was als klassisches Kriterium für »Hochbegabung« gilt.

Im Unterschied zur Gesamtbevölkerung seien die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie »mehrheitlich konfessionslos und deutlich stärker naturalistisch orientiert als die deutsche Bevölkerung«, erklärt Wolfram: »In der Stichprobe geben zwei Drittel keine Religionszugehörigkeit an; der mittlere selbstberichtete IQ liegt bei 137,8. Zudem verfügen rund zwei Drittel über einen Master-, Diplom-, Staatsexamens- oder Magisterabschluss oder über eine Promotion beziehungsweise Habilitation.«

Weltanschauliche Orientierung von Hochbegabten

In einem zweiten, ebenfalls auf fowid.de vorab veröffentlichten Artikel geht Tobias Wolfram ausführlicher auf die Unterschiede ein, die zwischen der untersuchten Gruppe von Hochbegabten und der Allgemeinbevölkerung bestehen. Besonders markant ist dabei die Differenz im Hinblick auf ein entweder naturalistisch oder theistisch geprägtes Weltbild. Der naturalistischen Auffassung, dass es keine übernatürlichen Wesen (etwa Götter, Engel, Kobolde oder Dämonen) gebe, die in die Naturgesetze eingreifen, stimmen 73,4 Prozent der Hochbegabten der »Mensa-Weltanschauungsstudie« zu, aber nur 36,3 Prozent der Gesamtbevölkerung – ein Unterschied von 37,1 Prozentpunkten. Entsprechend gering ausgeprägt ist bei den Studienteilnehmern der Glaube an Wunder (13,4 Prozent gegenüber 49 Prozent in der Bevölkerung).

Kennzeichnend für Hochbegabte ist eine starke Wissenschaftsorientierung: So beziehen sich 92,8 Prozent der Befragten positiv auf die Evolutionstheorie und lehnen mit 88,6 Prozent die biblische Schöpfungslehre ab. 79,3 Prozent befürworten, die zentralen Probleme der Menschheit mit wissenschaftlichen Anstrengungen anzugehen, religiös-spirituelle Lösungswege hingegen werden von 80 Prozent der Befragten verworfen. Bemerkenswert ist, dass die Wissenschaftsorientierung in der Mensa-Gruppe mit einer klaren humanistischen Ausrichtung einhergeht: 95,5 Prozent der Befragten vertreten humanistische Werte im Sinne der UN-Menschenrechtserklärung. Wie modern bzw. naturalistisch der dabei zugrundeliegende Humanismus-Begriff ist, zeigt sich darin, dass er nicht in Abgrenzung zur nicht-menschlichen Natur gedacht wird, sondern nicht-menschliche Lebewesen miteinschließt. So meinen 84,4 Prozent der Befragten, »dass alle Lebewesen Achtung verdienen«.

Gleichwohl ist die untersuchte Gruppe von Hochbegabten weltanschaulich nicht homogen. Mithilfe einer multivariaten Datenanalyse lassen sich drei unterschiedliche Profile unterscheiden. Dabei lässt sich die größte Gruppe (mit knapp 150 Personen) als »säkular-humanistisch / wenig-spirituell« klassifizieren, die zweitgrößte Gruppe (rund 70 Personen) als »humanistisch / privat-spirituell«, die kleinste Gruppe (rund 50 Personen) als »institutionell religiös«. Tobias Wolfram schließt daraus, dass »konfessionsfreie und säkulare Milieus nicht nur über das Fehlen von Religion beschrieben werden sollten«. Die Daten sprächen dafür, »die positiven weltanschaulichen Inhalte, die in konfessionsfreien Milieus an die Stelle klassischer Religiosität treten, als eigenständige Gegenstände weitergehend zu untersuchen«.

Fehlausrichtung der Begabtenförderung

Was bedeutet dies für die Begabtenförderung in Deutschland? Zur Zeit unterstützt der deutsche Staat neben der »Studienstiftung des deutschen Volkes«, der gewerkschaftsnahen »Hans Böckler Stiftung« und der unternehmernahen »Stiftung der deutschen Wirtschaft« zehn weitere Begabtenförderwerke, die entweder religiös (Avicenna Studienwerk, Cusanuswerk, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, Evangelisches Studienwerk) oder parteipolitisch verankert sind (Friedrich Ebert Stiftung, Friedrich Naumann Stiftung, Hanns Seidel Stiftung, Heinrich Böll Stiftung, Konrad Adenauer Stiftung, Rosa Luxemburg Stiftung). Dies allerdings steht, so der Vorsitzende der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon, »in krassem Gegensatz zu den Interessen der Hochbegabten, also jener Menschen, die eigentlich im Zentrum der Begabtenförderung stehen sollten«.

Schmidt-Salomon verweist in diesem Zusammenhang auf ein weiteres Ergebnis der »Mensa-Weltanschauungsstudie«: »Nur 20 Prozent der Befragten identifizieren sich mit einer Religion, nur 33,8 Prozent mit irgendeiner Partei! Dies ist ein klares Zeichen für die aktuelle Fehlausrichtung der staatlichen Begabtenförderung. Denn diese orientiert sich nicht an den Bedürfnissen begabter Menschen, sondern an den Lobbyinteressen religiöser oder politischer Verbände. Ginge es nach dem Willen der Hochbegabten, wäre das humanistische Bertha von Suttner-Studienwerk längst schon als förderungswürdig anerkannt. Ich bin gespannt, wie lange die zuständigen staatlichen Stellen die empirischen Fakten noch ignorieren werden.«

Jedenfalls seien die Ergebnisse der Mensa-Weltanschauungsstudie »ein weiterer guter Beleg für die Gleichstellungsklage des Bertha von Suttner-Studienwerks«: »Es wäre völlig widersinnig, würde der Staat weiterhin mehrheitlich religiöse und parteinahe Förderwerke unterstützen, obwohl sich die meisten hochbegabten Menschen weder mit Religionen noch mit Parteien identifizieren können. Stattdessen sollte der Staat jenes Förderwerk anerkennen, das in besonderem Maße auf die Interessen von Hochbegabten zugeschnitten ist, nämlich das Bertha von Suttner-Studienwerk. Alles andere würde nicht nur eine grobe Missachtung der Bedürfnisse der zu fördernden Menschen bedeuten, sondern zugleich auch eine massive Verletzung des Gebots der weltanschaulichen Neutralität des Staates.«

Das Bertha von Suttner-Studienwerk (BvS) wurde 2021 vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), der Humanistischen Akademie Deutschland (HAD) und der Bundesarbeitsgemeinschaft Humanistischer Studierender (BAG) gegründet. Mit seiner Hilfe sollen humanistische Studierende die gleichen Chancen auf Förderung erhalten wie ihre religiösen Kommiliton*innen. Aktuell läuft die Ausschreibung zum »Suttner-Stipendium 2026«, Infos zur Bewerbung findet man hier.