Die »schonungslose Aufarbeitung« des Missbrauchsskandals in Paderborn
Betroffenen-Initiativen kritisieren die Strategie des »Churchwashing« und fordern die Staatsanwaltschaft zum Handeln auf
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Der »Hängemattenbischof« im März 2021 auf dem Domplatz in Köln (Foto: David Farago)
Anlässlich der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens der Universität Paderborn zu den Missbrauchsfällen im dortigen Bistum ist das »Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen« mit dem »Hängemattenbischof« der Giordano-Bruno-Stiftung vor Ort. Der Protest richtet sich dabei nicht nur gegen die schleppende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, sondern auch gegen ein kürzlich aufgestelltes »Mahnmal« im Paderborner Dom.
Am 12. März wird mit der Studie »Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)« der erste Teil eines Missbrauchsgutachtens zu den Vorgängen im einflussreichen Bistum Paderborn in der Universität Paderborn vorgestellt. Der zweite Teil der Studie über die Amtszeit des ehemaligen Erzbischofs Hans-Josef Becker, der vermutlich nicht verjährte Straftaten beinhalten wird, soll erst 2027 erscheinen. Dies wäre 17 Jahre nach dem Beginn der gesellschaftlichen Debatte über den sexuellen Missbrauch in kirchlichen Institutionen und der ersten großen Heimkinderdemo in Berlin – kein Wunder also, dass die Betroffenen über die schleppende Aufarbeitung des Skandals empört sind und die Kirchen dazu drängen wollen, »nicht länger auf Zeit zu spielen«. In diesem Sinne sind auch die Protestaktionen zu verstehen, die vom 11. bis 13. März in Paderborn stattfinden werden.
Mit ihrem Protest richten sich das »Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen«, die »Betroffeneninitiative Hildesheim« und die Aktionsgruppe »11. Gebot« der Giordano-Bruno-Stiftung nicht nur gegen die schleppende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und gegen unangemessen niedrige Entschädigungsleistungen der Bistümer, sondern auch gegen die Strategie des »Churchwashing«. Gemeint ist damit eine bloße Symbolpolitik, die das Image der Kirche aufbessern soll, während die Interessen der Betroffenen weiterhin missachtet werden. Diese Strategie des »Churchwashing« sei im Erzbistum Paderborn, in dessen Dom erst vor wenigen Tagen ein »Missbrauchs-Mahnmal« im Stil eines »Memory-Spiels« eingeweiht wurde, besonders deutlich geworden, heißt es dazu aus dem Aktionsbündnis.
Veränderungen statt Symbolpolitik
Für den Betroffenen Michael Schoppe aus Bremen symbolisiert das interaktive Objekt »memory« im Paderborner Dom, bei dem Kacheln kurz aufgedeckt werden und dann wieder im Dunkelfeld verschwinden, »sehr treffend, wenn auch wohl unfreiwillig, den noch immer weitgehend fehlenden kirchlichen Aufarbeitungswillen«: »Es ist ein Skandal, dass ein Bistum, das auf einem Milliardenvermögen thront und jährlich Gewinne in Millionenhöhe erzielt, keine angemessenen Entschädigungen zahlt – und stattdessen das Leid der Betroffenen in eine spielerische Ästhetik überführt«, sagt Schoppe. »Dabei ist das automatische Zurückklappen der Kacheln die perfekte Metapher: Ein kurzes Aufdecken für die Galerie, bevor man wieder zur Tagesordnung übergeht.«
Die Betroffenen fordern ein »Ende der Symbolpolitik« und stattdessen »echte Veränderungen«. Dabei richtet sich ihre Kritik nicht zuletzt auch gegen die »bis heute untätige Justiz«: »Die Tatsache, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der zweite Teil der Studie nicht verjährte Straftaten enthalten wird, die erst 2027 veröffentlicht werden sollen, zwingt die Staatsanwaltschaft Paderborn, jetzt endlich zu handeln!«, erklärt David Farago vom Aktionsbündnis »11. Gebot« und ergänzt: »Schon 2018 wurden Strafanzeigen gegen alle deutschen Bistümer gestellt, aber die Staatsanwaltschaften haben kaum ermittelt, obgleich es dringenden Tatverdacht gab, der durch die später veröffentlichten Missbrauchsgutachten erhärtet wurde. Wir rufen daher die Paderborner Staatsanwaltschaft auf: Warten Sie die Ergebnisse des universitären Gutachtens nicht ab, sondern ermitteln Sie jetzt! Nehmen Sie die Archive des Bistums Paderborn auseinander – zumal diese möglicherweise Akten enthalten, die den Wissenschaftlern gar nicht zugänglich gemacht wurden!«
Engmaschiges Geflecht aus Klerus und Politik
Paderborn ist das Epizentrum des katholischen Westfalens und die politische Heimat von CDU-Größen wie Bundeskanzler Friedrich Merz und Carsten Linnemann. »In diesem engmaschigen Geflecht aus Klerus und Politik bleibt die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ein klerikales Privileg«, sagt Farago. »Während der Staat neben den jährlichen passiven Steuersubventionen in zweistelliger Milliardenhöhe im Jahr 2026 die Rekordsumme von 666 Millionen Euro an Staatsleistungen direkt an beide Amtskirchen überweist, verharren die Betroffenen in entwürdigenden Bittsteller-Positionen für Almosen-Beträge, die die katholische Kirche zynisch ›Anerkennungsleistungen erlittenen Leids‹ nennt und diese allzu gerne mit zuvor ausgezahlten Schweigegeldern verrechnet.«
Während bei der Prävention in den vergangenen Jahren Schritte unternommen wurden, zeige sich bei der Anerkennungspraxis weiterhin ein gravierender Reformstau, heißt es aus dem Aktionsbündnis. Seit 2010 habe die katholische Kirche in Deutschland bei der transparenten und glaubwürdigen Ausgestaltung finanzieller Leistungen kaum Fortschritte erzielt. »Betroffene berichten weiterhin von intransparenten Verfahren, mangelnder Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und unzureichender Kommunikation«, erklärt Jens Windel von der Betroffeneninitiative Hildesheim. »Dies steht im deutlichen Widerspruch zu dem Anspruch auf Aufarbeitung und Verantwortung. Wer Verantwortung übernehmen will, darf nicht den Eindruck erwecken, erst spät oder nur auf Druck hin zu handeln!«
Besonders irritierend sei, so Windel, »dass die Kirchen Missbrauchsfälle jahrelang nicht an die gesetzliche Unfallversicherung gemeldet haben. Dadurch sind vielen Betroffenen, die für die Kirche beispielsweise als Messdiener tätig waren, beträchtliche Rentenzahlungen entgangen.« Wie der Deutschlandfunk am Freitagmorgen berichtete, wussten die Kirchen schon seit 2011 von diesen Versicherungsansprüchen, jedoch gaben sie die Missbrauchsfälle erst ab 2022 an die Versicherung weiter. »Da die Rentenzahlungen rückwirkend nur für die letzten vier Jahre erfolgen, ist der Schaden für die Betroffenen gewaltig«, sagt Jens Windel. »Man fragt sich, weshalb die Kirchen auf solche Weise agiert haben: Liegt es vielleicht daran, dass sie befürchteten, von den Versicherungen später in Regress genommen zu werden? Derartige Verfahren laufen ja bereits.«
Die Protestaktion in Paderborn
Vom 11. bis 13. März wird im Rahmen der Protestaktion die international bekannte Großplastik »Der Hängemattenbischof« des Düsseldorfer Künstlers Jacques Tilly in der Paderborner Innenstadt und vor der Universität zu sehen sein. Ergänzt wird die Aktion mit einer eindrucksvollen Ausstellung aus Hildesheim zu den Erlebnissen von Betroffenen sexualisierter Gewalt.
Die Protestaktion findet an folgenden Orten statt:
- Mi., 11. März: ab 10:00 Uhr Rathausplatz, ab 14:30 Uhr Domplatz
- Do., 12. März: ab 10:00 Uhr Fanny-Nathan-Straße vor dem Gebäude Q der Universität
- Fr., 13. März: ab 10:00 Uhr Domplatz