»Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg«
Ein Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon über die Lage im Iran und das Verhältnis von Humanismus und Pazifismus
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Der Philosoph und gbs-Mitbegründer Michael Schmidt-Salomon (Foto: Ricarda Hinz)
Wie sollten Humanistinnen und Humanisten auf die israelischen und amerikanischen Angriffe auf den Iran reagieren? In welchem Verhältnis stehen Humanismus und Pazifismus zueinander? Darüber sprach der »Humanistische Pressedienst« mit dem Philosophen und Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon.
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hpd: Die gbs hat in den vergangenen 20 Jahren das Mullahregime scharf kritisiert und sich immer wieder auf die Seite der iranischen Widerstandsbewegung gestellt. Wie schätzt du die jüngsten Angriffe Israels und der USA auf den Iran ein?
Michael Schmidt-Salomon: Ambivalent. Die Risiken und Chancen halten sich ungefähr die Waage. Daher kann man sich meines Erachtens weder eindeutig für noch gegen diesen Krieg aussprechen. Mit einem einfach gestrickten Schwarz-Weiß-Denken wird man der komplizierten Weltlage nicht gerecht.
Was meinst du damit?
Wir müssen in diesem Fall unterschiedliche Aspekte gegeneinander abwägen: Sind die Angriffe völkerrechtswidrig? Sehr wahrscheinlich. Wird dies das Völkerrecht weiter schwächen? Vermutlich. Sterben Unschuldige in diesem Krieg? Ja, tragischerweise lässt sich dies bei solch massiven Bombardements gar nicht verhindern. Sind die Angriffe mit großen Gefahren für die Zukunft des Iran, den Nahen Osten und für den Weltfrieden verbunden? Zweifellos, ein verheerender Flächenbrand ist nicht auszuschließen.
Dies alles sind gute Gründe, um den aktuellen Krieg zu verurteilen. Andererseits jedoch schaffen die Angriffe möglicherweise die Bedingungen dafür, dass sich das iranische Volk nach 47 bitteren Jahren endlich von einer menschenverachtenden theokratischen Diktatur befreien kann, die Hunderttausende von Menschen auf dem Gewissen hat. Zudem wäre das Ende des Mullahregimes ein massiver Schlag gegen den islamistischen Terrorismus, der maßgeblich vom Iran aus organisiert wurde und schreckliches Leid unter Muslime und Nicht-Muslime gebracht hat.
Mina Ahadi, die Vorsitzende des (von der gbs unterstützten) »Zentralrats der Ex-Muslime«, hat die gezielte Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ali Khamenei am Sonntag in einem Facebook-Beitrag ausdrücklich begrüßt. Sie meinte, die Geschichte des Irans habe nun zwei Teile: vor dem Tod Khameneis und nach seinem Tod…
Ja, und das ist aus Minas Sicht nur verständlich! Sie kämpft seit 1979 gegen das Mullahregime, ihr Mann und viele Bekannte wurden vom Regime hingerichtet, sie selbst wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Ihre bewegende Lebensgeschichte wird in dem Film »Mina – Der Preis der Freiheit« bestens dokumentiert, im bruno.-Jahresmagazin 2023 findet man zudem ein ausführliches Interview mit ihr über die mutigen iranischen Widerstandsbewegungen der letzten Jahre. Nachdem diese Bewegungen 2009, 2022 und Anfang 2026 blutig niedergeschlagen wurden, hofft Mina nun, dass das Regime endlich kippt. Und mit dieser Hoffnung ist sie wahrlich nicht allein: In Deutschland feierten viele Exil-Iraner den Beginn des Krieges, selbst im Iran tanzten Menschen auf der Straße, als das Bombardement begann.
Teilst du Minas optimistische Einschätzung, dass es zu einem demokratischen Wandel kommen kann und es eine »Zukunft Irans ohne persönliche Diktatur, ohne politische Gefangene, ohne Folter und ohne Hinrichtungen« geben wird?
Ich hoffe sehr, dass dies eintritt und Mina nach so langer Zeit endlich wieder in ihr Heimatland reisen kann. Allerdings sind die Religionswächter noch immer – auch nach der Tötung Khameneis sowie einiger ihrer Führer – eine sehr mächtige Organisation. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie ihre Macht freiwillig abgeben werden. Aus diesem Grund halte ich die aktuellen Forderungen deutscher und europäischer Politiker, die Angriffe sofort zu beenden und an den »Verhandlungstisch« zurückzukehren, für gefährlich naiv. Denn wenn man schon mit »Enthauptungsschlägen«, also der gezielten Tötung führender Protagonisten der Diktatur, begonnen hat, muss man dies auch zu Ende führen, ansonsten werden die Repressionen gegen das iranische Volk womöglich noch schlimmer ausfallen als vor Beginn des Krieges.
Das klingt aus dem Mund eines humanistischen Philosophen sehr ungewöhnlich! Kann denn die Tötung eines Menschen aus humanistischer Perspektive überhaupt gerechtfertigt werden?
Das hängt von den Umständen ab. Als konsequentialistisch denkender Philosoph habe ich den »Tyrannenmord« stets verteidigt. Selbstverständlich darf es nur das allerletzte Mittel sein, einen Menschen oder gar eine Gruppe von Menschen zu töten. Zu legitimieren ist dies nur, wenn es nachweislich keine anderen Möglichkeiten gibt, Leben zu retten und die Werte der Humanität zu verteidigen. Dies war beispielsweise beim Stauffenberg-Attentat auf Hitler der Fall, das aus konsequentialistischer Sicht selbstverständlich ethisch gerechtfertigt war. Ähnliches gilt, wie ich meine, auch für die Tötung Khameneis und anderer führender Köpfe des islamo-faschistischen Mullahregimes. Nur wenn sie beseitigt werden, haben die Menschen im Iran eine halbwegs realistische Chance auf eine friedvolle, demokratische Zukunft.
Aber lautet die humanistische Grundformel denn nicht »Frieden schaffen ohne Waffen«?
Sicher – und das ist grundsätzlich auch eine sehr vernünftige Maxime! Denn Kriege sind stets mit großem Elend und dem Verlust vieler Menschenleben verbunden. Zudem führen sie häufig nicht zu den gewünschten Ergebnissen, sondern wirken kontraproduktiv – wie etwa der Irakkrieg von 2003 zeigte, der maßgeblich zum Aufstieg des »Islamischen Staats« (IS) beigetragen hat. Aber: Vernünftige Maximen gelten für den Regelfall, nicht für den Einzelfall. Manchmal gibt es gute Gründe, Regeln zu überschreiten. Und manchmal braucht man eben doch Waffen, um Frieden zu schaffen. Denn: »Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg« – wie es Willy Brandt 1971 in seiner bemerkenswerten Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises formuliert hat.
Echter Frieden verlangt nämlich Freiheit und Gerechtigkeit. Daher lebten die Menschen im Iran in den letzten 47 Jahren keineswegs unter friedvollen Verhältnissen, sondern in einem permanenten Krieg. Sie aus ihrer hoffnungslosen Lage zu befreien, was unter den gegebenen Umständen nur mit Waffengewalt möglich ist, lässt sich aus humanistischer Sicht sehr wohl rechtfertigen.
Willst du denn behaupten, dass es den Verantwortlichen in den USA und in Israel wirklich darum geht, der unterdrückten Bevölkerung im Iran zu helfen?
Trump und Netanyahu sind bislang nicht als große Humanisten aufgefallen, ganz im Gegenteil! Selbstverständlich verfolgen sie in diesem Krieg nicht primär humanistische Ziele. Aber darum geht es nicht! Mitunter können Politiker auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Wichtig scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Humanistinnen und Humanisten sollten doch bitte endlich anerkennen, dass der Einsatz von Waffengewalt keineswegs per se, also immer und überall, gegen humanistische oder pazifistische Werte verstößt. Diesen Fehler haben beispielsweise die amerikanischen Pazifisten begangen, als sie in den 1940er Jahren vehement dagegen protestierten, dass die USA die Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland unterstützen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie sich mit dieser Auffassung durchgesetzt hätten!
Aber widerspricht diese kritische Haltung nicht der Position von Bertha von Suttner, nach der das humanistische Studienwerk benannt wurde, in der sich auch die gbs engagiert?
Interessanterweise ist Willy Brandt in seiner Nobelpreisrede auch auf Bertha von Suttner und ihr Buch »Die Waffen nieder« eingegangen. Er sprach dabei von dem »naiven Humanismus« seiner »ganz jungen Jahre«. Ob man Bertha von Suttner selbst einen solch »naiven Humanismus« unterstellen kann, bezweifle ich. Denn sie zählte zu den wenigen humanistischen Autorinnen und Autoren des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich intensiv mit der Evolutionstheorie auseinandergesetzt haben. Bertha von Suttner wusste daher sehr genau, dass weder die Natur noch die Kultur »Wunschkonzerte« sind, die sich nach unseren moralischen Überzeugungen richten. Der Mensch wird eben nicht »edel, hilfreich und gut«, nur weil wir uns das von ihm erhoffen.
Mit guten Gründen hat Bertha von Suttner den Nationalismus und die überbrodelnde Kriegsbegeisterung ihrer Zeit kritisiert, aber sie wäre sicherlich nicht so naiv gewesen, den Eintritt der USA in den Krieg gegen Nazi-Deutschland zu kritisieren. Ich glaube auch nicht, dass man sich mit guten Gründen auf Bertha von Suttner berufen kann, wenn man verhindern möchte, dass Deutschland Waffen an die Ukraine liefert, die ja auf solche Unterstützung in ihrem Verteidigungskampf gegen Putins Russland angewiesen ist. Zwischen Pazifismus und unterlassener Hilfeleistung sollte man schon unterscheiden können.
Apropos: Es fällt auf, dass die gbs zum Ukraine-Krieg, aber auch zum Gaza-Krieg, nur sehr wenig veröffentlicht hat. Woran liegt das?
Es gibt innerhalb der Stiftung unterschiedliche Einschätzungen zu diesen Themen. Daher kann ich, und das gilt auch für dieses Interview, oft nicht im Namen der Stiftung sprechen, sondern nur in meinem eigenen Namen. Was die Ukraine betrifft: Ich persönlich hielt die vermeintliche Alternative »Waffen liefern ODER verhandeln?« stets für absurd und votierte für »Waffen liefern UND verhandeln!«, da man Potentaten wie Putin mit guten Argumenten allein nicht beikommen kann. Und zum politischen Irrsinn in Israel und Iran habe ich mich schon vor 15 Jahren in dem Buch »Keine Macht den Doofen« ohne jegliche Rücksichtnahme geäußert. Ähnliches haben auch andere Stiftungsmitglieder, z.B. Hamed Abdel-Samad, getan.
Allerdings wäre es falsch zu behaupten, wir hätten uns als Stiftung gar nicht zu solchen Fragen positioniert. So haben wir schon sehr frühzeitig vor den gefährlichen, religiös-nationalistischen Entwicklungen in Russland gewarnt, die spätestens 2006 mit der »Russischen Erklärung der Menschenrechte« offenkundig wurden. Mit Blick auf den tödlichen Konflikt zwischen Juden und Palästinensern haben wir sowohl den eliminatorischen Judenhass der Hamas als auch die genozidalen Absichten einiger Mitglieder der israelischen Regierung scharf kritisiert.
Vermutlich hätten sich einige gbs-Sympathisanten dennoch eine sehr viel eindeutigere Positionierung der Stiftung in derartigen Fragen gewünscht, oder?
Ja, das ist möglich, aber genau in diesem Wunsch liegt auch ein Problem – womit ich zum Anfang unseres Gesprächs zurückkomme: Oftmals verbietet es sich, in einem Konflikt eindeutig Partei zu ergreifen, da man mit einem einfach gestrickten Schwarz-Weiß-Denken der komplizierten Weltlage nicht gerecht wird. Auch hierauf hat Willy Brandt 1971 in seiner Nobelpreisrede hingewiesen – und seine Worte klingen heute, 55 Jahre später, wie eine kritisch-rationalistische Anleitung zu einer neuen, produktiven Streitkultur: »Junge Menschen erwarten oft von mir das ungebrochene Ja, das deutliche Nein. Aber mir ist es unmöglich geworden, an eine einzige, an ›die‹ Wahrheit zu glauben. (…) Deshalb glaube ich an die Vielfalt und also an den Zweifel. Er ist produktiv. Er stellt das Bestehende in Frage. Er kann stark genug sein, versteinertes Unrecht aufzubrechen. Der Zweifel hat sich im Widerstand bewiesen. Er ist zäh genug, um Niederlagen zu überdauern und Sieger zu ernüchtern.«
Vielen Dank für das Gespräch!