»Thinking out of the box«
Beim BvS-Stipendiatentreffen am Stiftungssitz kam es erneut zu lebhaften, unkonventionellen Debatten
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Stipendiatentreffen am gbs-Sitz in Oberwesel (Foto: R. Hinz)
Sind Debatten über die (geschlechtliche) Identität von Personen bloße Streite um Worte? Wie hat sich die Erde entwickelt, und wie wird sie sich in Folge des menschengemachten Klimawandels verändern? Was sind die evolutionären Wurzeln unserer Moralfähigkeit? Dies sind nur einige der vielen Fragen, mit denen sich die Stipendiatinnen und Stipendiaten des Bertha von Suttner-Studienwerks auf ihrem Treffen vom 12. bis 14. Juni 2026 beschäftigt haben.
Zweimal im Jahr lädt das Bertha von Suttner-Studienwerk (BvS) seine aktuellen und ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten zum gemeinsamen Nachdenken und Diskutieren ein. Die Veranstaltung im Spätherbst finden unter der Regie des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) in Berlin statt, die Treffen im Frühsommer im »Haus Weitblick«, dem Sitz der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) in Oberwesel.
Vom 12. bis 14. Juni war es wieder so weit. Nach einer kurzen Begrüßung und einem »Eisbrecher-Spiel«, das zu Schätzungen und zugleich zur Reflexion über eigene Gewissheiten und Zweifel einlud, machte am Freitagabend die Philosophin Dr. Viktoria Knoll den Auftakt mit einem Vortrag über Identität: In Debatten darüber weisen die jeweils verwendeten Wörter eine semantische Variabilität auf – mit der Konsequenz, dass das, was als Dissens in der Sache erscheint, häufig kein solcher ist; zugleich verlangt die semantische Variabilität einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr.
Der Samstagvormittag gehörte den Stipendiatinnen und Stipendiaten. Überwiegend im »Pecha-Kucha-Format« präsentierten sie in kurzen, pointierten Vorträgen eigene Forschungsinteressen und Denkanstöße. Die Themen reichten von der Frage, ob die Demokratie als Staatsform reformbedürftig ist, über die »Acceptance-and-Commitment-Therapie« (ACT) bis hin zu unkonventionellen Antrieben in der Raumfahrt und der Größe des Universums. Andere Beiträge befassten sich mit dem Wandel des Patriarchatsbegriffs in Lateinamerika, neurowissenschaftlicher Forschung unter Alltagsbedingungen, erkenntnistheoretischen Überlegungen zum personalen Selbstverständnis, Herausforderungen des deutschen Rentensystems sowie der Evolution des menschlichen Denkens. »Thinking out of the box« war das übergreifende Motto – auch bei einer mathematischen Präsentation, die mithilfe des Square Dance veranschaulichte, dass und wie sich rationale Zahlen unorthodox darstellen lassen, und einem Gedankenexperiment über Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum (»Wie wär’s mit einem Ausgangsverbot für Männer?«). Das kompakte Vortragsformat erwies sich ebenso wie seine originellen Befüllungen als höchst inspirierend.
Nach einem gemeinsamen Besuch des Stadtmuseums von Oberwesel am Samstagnachmittag hielt der Geowissenschaftler Prof. Dr. Horst Marschall den Abendvortrag. Unter dem Titel »Eine kurze Geschichte der Erde« spannte er in kurzweiligen drei Stunden, in denen er auch einen Einblick in seinen eigenen Forschungsalltag gab, den Bogen von der geologischen Entwicklung unseres Planeten bis zu den Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels.
Den Abschluss des Wochenendes bildete am Sonntagmorgen ein Vortrag des Humanethologen und Psychiaters Dr. Gerhard Medicus. Er zeigte auf, wie sich die der Moralfähigkeit zugrundeliegenden emotionalen und kognitiven Fähigkeiten stufenweise entwickelt haben, um dann eine Brücke zu schlagen zu einer »Doppelmoral«, die ihren Ausdruck in der Idealisierung des Geistes und der Abwertung des Körpers findet. Ausklingen ließen die Teilnehmenden das Treffen mit einer konstruktiven Feedbackrunde und einem Mittagessen.
Das diesjährige Sommertreffen belegte erneut die große thematische Vielfalt und die Lebendigkeit des Bertha von Suttner-Studienwerks. Zwischen Philosophie, Naturwissenschaften, Psychologie und Politik entstand ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und auch kontroverse Fragen zugleich sachlich und respektvoll diskutiert werden konnten.









