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Newsletter vom 9.3.2026

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Für gleiche Rechte und Sichtbarkeit queerer Musliminnen und Muslime in einer freien Gesellschaft (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redaktionellen Verwendung)


»Ich bin Muslim/Muslimin«

Akzeptanzkampagne für Vielfalt und Selbstbestimmung im Islam gestartet

Am vergangenen Freitag ist die Akzeptanzkampagne »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« in Berlin an den Start gegangen. Staffel 1 zeigt vier Motive: eine muslimische Lehrerin ohne Kopftuch, eine interkulturelle Familie, ein schwules Paar und eine gesellige Szene mit Alkohol. Damit setzt die Kampagne ein Zeichen für Selbstbestimmung und innerislamischen Pluralismus und klärt zugleich über die Hegemoniekonzepte der »Islamfeindlichkeit« und »Islamophobie« auf.

Die Aktion, die vom Mernissi-de Gouges Bildungs- und Sozialwerk, der Ibn Rushd-Goethe Moschee und dem (von der gbs unterstützten) »Arbeitskreis Politischer Islam« (AK Polis) getragen wird, ist ab sofort in Berlin auf Großplakaten zu sehen. Außerdem wird sie auf Postkarten in über 300 gastronomischen und kulturellen Einrichtungen, Kinos sowie in den sozialen Medien gezeigt.

Die Initiatoren leisten damit einen Beitrag zu dem erstmals in Berlin geplanten »Aktionstag gegen Islamfeindlichkeit« am 15. März 2026 – bereichern diesen jedoch um eine ganzheitliche, freiheitliche Deutung. Unter dem Motto »Islamische Vielfalt leben – Freiheit schützen« machen sie Pluralismus im Islam sichtbar. Mit ihrem Bekenntnis zur individuellen Glaubensfreiheit und zur Selbstbestimmung erteilen sie islamistischen Machtansprüchen und der Kooperation mit verfassungsfeindlichen Akteuren eine deutliche Absage – und werden dabei von Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner mit einer Videobotschaft unterstützt.

Projektleiter der Akzeptanzkampagne ist Tugay Saraç von der »Anlaufstelle für Islam & Diversity (AID)«.  Saraç sagt zur Auswahl der Motive: »Wir zeigen muslimische Menschen, wie sie tatsächlich leben. Musliminnen und Muslime sind keine homogene Gruppe. Vielfalt im Islam ist Normalität – das macht die Akzeptanzkampagne sichtbar.«

Besonders deutlich wird die Stoßrichtung der Akzeptanzkampagne beim Thema Kopftuch: »Etwa ein Drittel der muslimischen Frauen in Deutschland trägt ein Kopftuch. Dennoch werden Musliminnen in Werbung und Kampagnen fast ausschließlich mit Kopftuch dargestellt. Islamistische Gruppen versuchen seit Jahren, immer strengere Verschleierungsnormen in Deutschland durchzusetzen – vom Kopftuch über den Gesichtsschleier bis hin zur Vollverschleierung mit Burka oder Niqab.« Saraç sagt: »Es ist ein Marker des Kollektivismus. Unsere Kampagne zeigt, dass muslimisches Leben in Deutschland wesentlich vielfältiger und freier ist. Warum sollten 30 Prozent die vermeintliche Norm repräsentieren, während 70 Prozent unsichtbar bleiben?«

Vor dem Hintergrund der Attacken auf das Neutralitätsgesetz in Berlin habe man sich bewusst für das Motiv einer Lehrerin ohne Kopftuch entschieden. Saraç: »Wir zeigen eine muslimische Lehrerin, die Verantwortung im staatlichen Bildungssystem übernimmt – ohne Kopftuch. Ob sie privat eines trägt, zeigt das Bild nicht, und das ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie im staatlichen Raum religiös und weltanschaulich neutral auftritt.«

Saraç betont abschließend: »Unsere Motive stehen für Individuen mit unterschiedlichen Biografien und freiheitlichen Lebensentwürfen. Sie unterscheiden sich deutlich von kollektivistischen Identitätsmodellen, wie sie von islamistischen Akteuren vertreten werden. Wir zeigen die wirkliche Vielfalt in Deutschland. Musliminnen und Muslime sind keine homogene Gruppe. Vielfalt ist Normalität.«

Lesen Sie die vollständige Meldung auf der Website des AK Polis...


Die »schonungslose Aufarbeitung« des Missbrauchsskandals in Paderborn

Betroffenen-Initiativen kritisieren die Strategie des »Churchwashing« und fordern die Staatsanwaltschaft zum Handeln auf

Anlässlich der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens der Universität Paderborn zu den Missbrauchsfällen im dortigen Bistum ist das »Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen« mit dem »Hängemattenbischof« der Giordano-Bruno-Stiftung vor Ort. Der Protest richtet sich dabei nicht nur gegen die schleppende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, sondern auch gegen ein kürzlich aufgestelltes »Mahnmal« im Paderborner Dom.

Am 12. März wird mit der Studie »Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)« der erste Teil eines Missbrauchsgutachtens zu den Vorgängen im einflussreichen Bistum Paderborn in der Universität Paderborn vorgestellt. Der zweite Teil der Studie über die Amtszeit des ehemaligen Erzbischofs Hans-Josef Becker, der vermutlich nicht verjährte Straftaten beinhalten wird, soll erst 2027 erscheinen. Dies wäre 17 Jahre nach dem Beginn der gesellschaftlichen Debatte über den sexuellen Missbrauch in kirchlichen Institutionen und der ersten großen Heimkinderdemo in Berlin – kein Wunder also, dass die Betroffenen über die schleppende Aufarbeitung des Skandals empört sind und die Kirchen dazu drängen wollen, »nicht länger auf Zeit zu spielen«. In diesem Sinne sind auch die Protestaktionen zu verstehen, die vom 11. bis 13. März in Paderborn stattfinden werden.

Mit ihrem Protest richten sich das »Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen«, die »Betroffeneninitiative Hildesheim« und die Aktionsgruppe »11. Gebot« der Giordano-Bruno-Stiftung nicht nur gegen die schleppende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und gegen unangemessen niedrige Entschädigungsleistungen der Bistümer, sondern auch gegen die Strategie des »Churchwashing«. Gemeint ist damit eine bloße Symbolpolitik, die das Image der Kirche aufbessern soll, während die Interessen der Betroffenen weiterhin missachtet werden. Diese Strategie des »Churchwashing« sei im Erzbistum Paderborn, in dessen Dom erst vor wenigen Tagen ein »Missbrauchs-Mahnmal« im Stil eines »Memory-Spiels« eingeweiht wurde, besonders deutlich geworden, heißt es dazu aus dem Aktionsbündnis.

Für den Betroffenen Michael Schoppe aus Bremen symbolisiert das interaktive Objekt »memory« im Paderborner Dom, bei dem Kacheln kurz aufgedeckt werden und dann wieder im Dunkelfeld verschwinden, »sehr treffend, wenn auch wohl unfreiwillig, den noch immer weitgehend fehlenden kirchlichen Aufarbeitungswillen«: »Es ist ein Skandal, dass ein Bistum, das auf einem Milliardenvermögen thront und jährlich Gewinne in Millionenhöhe erzielt, keine angemessenen Entschädigungen zahlt – und stattdessen das Leid der Betroffenen in eine spielerische Ästhetik überführt«, sagt Schoppe. »Dabei ist das automatische Zurückklappen der Kacheln die perfekte Metapher: Ein kurzes Aufdecken für die Galerie, bevor man wieder zur Tagesordnung übergeht.«

Die Betroffenen fordern ein »Ende der Symbolpolitik« und stattdessen »echte Veränderungen«. Dabei richtet sich ihre Kritik nicht zuletzt auch gegen die »bis heute untätige Justiz«: »Die Tatsache, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der zweite Teil der Studie nicht verjährte Straftaten enthalten wird, die erst 2027 veröffentlicht werden sollen, zwingt die Staatsanwaltschaft Paderborn, jetzt endlich zu handeln!«, erklärt David Farago vom Aktionsbündnis »11. Gebot« und ergänzt: »Schon 2018 wurden Strafanzeigen gegen alle deutschen Bistümer gestellt, aber die Staatsanwaltschaften haben kaum ermittelt, obgleich es dringenden Tatverdacht gab, der durch die später veröffentlichten Missbrauchsgutachten erhärtet wurde. Wir rufen daher die Paderborner Staatsanwaltschaft auf: Warten Sie die Ergebnisse des universitären Gutachtens nicht ab, sondern ermitteln Sie jetzt! Nehmen Sie die Archive des Bistums Paderborn auseinander – zumal diese möglicherweise Akten enthalten, die den Wissenschaftlern gar nicht zugänglich gemacht wurden!«

Weitere Infos dazu gibt es auf der Website der gbs...


»Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg«

Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon über die Lage im Iran und das Verhältnis von Humanismus und Pazifismus

Wie sollten Humanistinnen und Humanisten auf die israelischen und amerikanischen Angriffe auf den Iran reagieren? In welchem Verhältnis stehen Humanismus und Pazifismus zueinander? Darüber sprach der »Humanistische Pressedienst« Anfang März mit dem Philosophen und Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon.

Der gbs-Vorstand bekundet dabei eine »ambivalente Haltung« zu den Angriffen auf den Iran: »Sind die Angriffe völkerrechtswidrig? Sehr wahrscheinlich. Wird dies das Völkerrecht weiter schwächen? Vermutlich. Sterben Unschuldige in diesem Krieg? Ja, tragischerweise lässt sich dies bei solch massiven Bombardements gar nicht verhindern. Sind die Angriffe mit großen Gefahren für die Zukunft des Iran, den Nahen Osten und für den Weltfrieden verbunden? Zweifellos, ein verheerender Flächenbrand ist nicht auszuschließen. Dies alles sind gute Gründe, um den aktuellen Krieg zu verurteilen. Andererseits jedoch schaffen die Angriffe möglicherweise die Bedingungen dafür, dass sich das iranische Volk nach 47 bitteren Jahren endlich von einer menschenverachtenden theokratischen Diktatur befreien kann, die Hunderttausende von Menschen auf dem Gewissen hat. Zudem wäre das Ende des Mullahregimes ein massiver Schlag gegen den islamistischen Terrorismus, der maßgeblich vom Iran aus organisiert wurde und schreckliches Leid unter Muslime und Nicht-Muslime gebracht hat.«

Mit Bezug auf Willy Brandts Nobelpreisrede von 1971 stellt Schmidt-Salomon in dem Gespräch klar, dass Friede mehr ist als Abwesenheit von Krieg, dass Politiker mitunter aus falschen Gründen das Richtige tun und dass man zwischen Pazifismus und unterlassener Hilfeleistung unterscheiden sollte. Das vollständige Interview findet sich auf dem Portal des Humanistischen Pressedienstes...


Kurz notiert

Jacques Tilly im EU-Parlament: Am 26. Februar wurde der Moskauer Strafprozess gegen gbs-Beirat Jacques Tilly fortgesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass es dabei offenbar nicht nur um eine angebliche Verunglimpfung der russischen Armee und ihres Oberbefehlshabers Wladimir Putin geht, sondern auch um den Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle. Von dem Schauprozess in Russland zeigte sich Tilly indes nicht sonderlich beeindruckt, wie seine satirischen Karnevalswagen auf dem diesjährigen Düsseldorfer Rosenmontagszug belegen. Unbeeindruckt zeigte sich auch die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Anfang März eine Tilly-Ausstellung im EU-Parlament präsentierte. Dies allerdings missfiel der rechten Fraktion der »Europäischen Konservativen und Reformer« (ECR) so sehr, dass sie kurz vor der Ausstellungseröffnung eine Protestnote einreichte, wobei sie nicht unerwähnt ließ, dass russische Behörden bereits rechtliche Schritte gegen Jacques Tilly eingeleitet hätten.

Thomas Metzinger im Scobel-Podcast: »In Würde scheitern?«: Gert Scobel diskutierte im Februar mit gbs-Beirat Thomas Metzinger über die Grenzen der westlichen Aufklärung, den Zustand unserer Demokratien und die Frage, ob non-duales Bewusstsein eine reale transformative Kraft besitzt. Ein Gespräch über Philosophie, Neurowissenschaft, Ethik und Meditation, jenseits von Zweckoptimismus und Katastrophen-Kitsch.

Helmut Ortner auf Lesereise: gbs-Beirat Helmut Ortner ist zur Zeit mit seinem aktuellen Buch »Gnadenlos deutsch« auf Lesereise. Ortner beschreibt darin, wie die Mehrheit der Deutschen den Eroberungs- und Zerstörungs-Wahn der Nazis folgten, angetrieben von erwartungsvoller Begeisterung, vaterländischem Pflichtgefühl, nationalem Dünkel und ideologischer Verblendung – bis zum Untergang. In einer Zeit, in der rechte Populisten und die AfD die Erinnerungskultur beenden möchten, wendet sich Helmut Ortner gegen die »Entsorgung« der NS-Zeit. Seine Essays und Reportagen verstehen sich als Plädoyer gegen jede Verharmlosung und Relativierung der NS-Vergangenheit.

Höhere »Anerkennungszahlungen« der Kirchen: 2018 stellte das (von der gbs getragene) »Institut für Weltanschauungsrecht« Strafanzeigen wegen Ermöglichung und Vertuschung sexuellen Missbrauchs an alle 27 deutschen Bistümer. Wenig später entwickelte das ifw eine juristische Argumentation, mit der die Kirche in Zivilverfahren selbst haftbar gemacht werden kann. Nicht alle diese Klagen waren erfolgreich, aber sie führten dazu, dass die sogenannten außergerichtlichen »Leidzahlungen« der katholischen Kirche an die Betroffenen deutlich angestiegen sind. Wie das ARD-Magazin FAKT berichtete (ab Minute 17:37), leistete die Kirche inzwischen 77 Mal Zahlungen in Höhe von mindestens 100.000 Euro, 14 Mal sogar in Höhe von mindestens 300.000 Euro. Das ist angesichts des großen Leids, das den Betroffenen durch katholische Amtsträger zugefügt wurde, zwar noch immer viel zu wenig, aber doch ein Schritt in die richtige Richtung...

»The Number of the Beast«: Die sog. »Staatsleistungen«, die die Bundesländer an die Kirchen zahlen, sind 2026 erstmals auf 666 Millionen Euro angestiegen. Die Gesamtsumme dieser staatlichen Alimentierungen beläuft sich damit auf insgamt rund 23 Mrd. Euro, berichtet die »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid) auf ihrer Website.

Verrückte Trollaktion gegen die gbs: Anfang März fragte das Landeskriminalamt (LKA) NRW bei der Giordano-Bruno-Stiftung an, ob sie denn wirklich zusammen mit dem »Opus Dei« (!) die Aktion »Koran in Flammen« (!) planen und entsprechende »Mahnfeuer« (!) in Köln, Duisburg, Hamburg und Dresden errichten wolle. Ein entsprechendes anonymes Schreiben war zuvor beim LKA, bei verschiedenen Nachrichtenagenturen und der Giordano-Bruno-Stiftung eingegangen. Der Vorstand antwortete dem LKA, dass die gbs als humanistische Stiftung selbstverständlich niemals »Bücherverbrennungen« (gleich welcher Art) organisieren würde – und schon gar nicht zusammen mit den erzkatholischen Hardlinern des »Opus Dei«! »Verrückt diese Welt ist«, würde Meister Yoda sagen. Und dabei ist nicht einmal der 1. April!


Die nächsten Termine

Die Termine der nächsten Wochen gibt es, wie immer, im gbs-Terminkalender.

    
Mit freundlichen Grüßen

Das gbs-Newsletter-Team

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