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Newsletter vom 20.5.2020

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Foto: Die Säkulare Buskampagne 2019 in Weimar, wo 100 Jahre zuvor die Trennung von Staat und Kirche beschlossen wurde

Inhalt:


Das Versagen des Deutschen Ethikrates

gbs kritisiert Überrepräsentanz kirchlicher Interessen

"Der Deutsche Ethikrat sollte rational, evidenzbasiert und weltanschaulich neutral argumentieren, was aber durch die Überrepräsentanz kirchlicher Interessenvertreter allzu oft verhindert wird", kritisiert der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon. Die am 30. April erfolgte Neubesetzung des Gremiums habe dieses Problem keineswegs behoben, sondern eher noch verschärft.

"Dass sich die Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Ethikrates gegen Selbstbestimmungsrechte am Lebensende aussprachen und für ein Gesetz votierten, das per einstimmigen Beschluss der Karlsruher Richter für verfassungswidrig erklärt wurde, ist ein Skandal, der noch nicht hinreichend thematisiert wurde", meint Schmidt-Salomon, der bei der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts als "Sachverständiger Dritter" für die später erfolgte Aufhebung des § 217 StGB plädiert hatte. "Die Unterstützung eines verfassungswidrigen Gesetzes ist nur eines von vielen Indizien dafür, dass der Deutsche Ethikrat in seiner Funktion immer wieder versagt. Interessanterweise kommt es dazu vor allem dann, wenn religiöse Interessen im Spiel sind, wie auch die Debatten zur Knabenbeschneidung oder Präimplantationsdiagnostik gezeigt haben. In einem gewissen Ausmaß kann man solche Defizite tolerieren, aber: Wenn sich – wie im Fall der Sterbehilfe-Diskussion – herausstellt, dass die Mitglieder des wichtigsten Ethikrates des Landes mehrheitlich nicht in der Lage sind, auf dem ethischen Niveau des deutschen Grundgesetzes zu argumentieren, ist dies keine Lappalie, die man auf die leichte Schulter nehmen könnte."

Nach der deutlichen Rüge aus Karlsruhe hätte man eigentlich eine Umorientierung in der inhaltlichen Ausrichtung sowie der personellen Zusammensetzung des Ethikrates erwarten dürfen, doch die am 30. April erfolgte Neubesetzung des Gremiums weise in eine andere Richtung, führt Schmidt-Salomon aus: "Durch die Neubesetzung ist der Rat nicht pluraler, liberaler oder kompetenter geworden. Immerhin gab es 2017 neun Ethikratsmitglieder, die sich in einem Minderheitsvotum für eine Stärkung der Selbstbestimmungsrechte am Lebensende ausgesprochen hatten. Von diesen liberalen Dissidenten sind nun zwei Drittel, also sechs Personen, nicht mehr im aktuellen Ethikrat vertreten. Bei den neu hinzugekommenen Mitgliedern des Rates sind Personen mit religiös-konservativen Werthaltungen überproportional stark vertreten – Menschen, von denen man leider annehmen muss, dass sie 2017 ebenfalls für ein verfassungswidriges Gesetz votiert hätten."

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/meldung/versagen-ethikrat


Patientenautonomie in der Krise

Stellungnahme des Hans-Albert-Instituts zu den medizinethischen Konsequenzen der Corona-Pandemie

"Nicht die bedingungslose Rettung oder Verlängerung von Leben sollte das vorrangige Ziel des ärztlichen Handelns sein. Vielmehr gilt es, eine medizinische Versorgung zu gewährleisten, die dem Willen der Patienten entspricht und zu ihrem Wohl beiträgt." Dies geht aus einer Empfehlung des Hans-Albert-Instituts (HAI) hervor, die sich mit den medizinethischen Konsequenzen der Corona-Pandemie beschäftigt.

Vor allem ältere Menschen sollten sich "mit der Frage auseinandersetzen, ob und wie sie im Falle einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes behandelt werden möchten", rät das Institut. Allerdings setze eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen eine medizinische Maßnahme ein entsprechendes Wissen über die Chancen und Risiken voraus. Dies betreffe in der aktuellen Corona-Krise insbesondere die Frage der Nützlichkeit und Angemessenheit einer intensivmedizinischen Behandlung.

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/meldung/patientenautonomie-der-krise

Den vollständigen Text der HAI-Stellungnahme finden Sie hier:
https://hans-albert-institut.de/wp-content/uploads/2020/05/Patientenauto...


"Virtuelle Bruno-Akademie"

Aktuelle Online-Veranstaltungen (u.a. mit Michael Shermer)

Im Zuge der Corona-Krise richtet die Giordano-Bruno-Stiftung vermehrt virtuelle Veranstaltungen aus. Die ersten dieser Online-Events sind bereits erfolgt: So fand am 5. Mai in Kooperation mit dem Düsseldorfer Aufklärungsdienst eine Liveübertragung des Vortrags "Tot ohne Gott" von gbs-Beirat Franz Josef Wetz statt (wer den Vortrag verpasst hat, kann ihn sich hier anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=DFPJ2_b8Xyc). Im Rahmen der (von der gbs unterstützten) Kortizes-Veranstaltungsreihe sprach Amardeo Sarma (GWUP) am 28. April über das Thema "Das Klima und unser Wohlstand – Von Leugnungen und Lösungen". Zudem diskutierten Rainer Rosenzweig (Kortizes, gbs-Kuratorium) und Bernd Harder (Autor/GWUP) am 12. Mai über "Fake News und Verschwörungstheorien um das Coronavirus" (beide Veranstaltungen sollen zu einem späteren Zeitpunkt als Online-Videos zur Verfügung gestellt werden).

Die nächsten Online-Termine: Am 26. Mai wird Lydia Baumann bei Kortizes über das Thema "Der Polsprung und seine Folgen: Von Weltuntergangsprophezeiungen zur Geowissenschaft" referieren. Am 2. Juni hält der amerikanische Psychologe und Wissenschaftsjournalist Michael Shermer (Gründer der Skeptics Society) im virtuellen Studio Düsseldorf einen englischsprachigen Vortrag zu seinem aktuellen Buch "Giving the Devil his Due – Reflections of a Scientific Humanist" (Livestream auf dem gbs-YouTube-Kanal).  Am 9. Juni folgt der nächste Kortizes-Online-Vortrag, in dem Mirko Gutjahr unter dem Titel "Götter, Gräber und Phantasten" aufzeigen wird, warum wissenschaftlich arbeitende Archäologen – im Kontrast zu den Mutmaßungen pseudowissenschaftlicher Autoren wie Erich von Däniken – zur Erklärung historischer Phänomene (etwa dem Bau der Pyramiden) keine UFOs brauchen.

Weitere Informationen unter:
https://aufklaerungsdienst.de/
https://kortizes.de/


4 Milliarden Jahre auf 400 Metern

Eröffnung des Düsseldorfer Evolutionsweges am 12. Juni

Nach den ersten beiden Evolutionswegen in Leimen (Baden-Württemberg) und  Kyritz (Brandenburg) wird am 12. Juni in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) der dritte Evolutionsweg eröffnet, der auf das Konzept der gbs-Regionalgruppe Rhein-Neckar zurückgeht (unterstützt u.a. vom Evokids-Projekt der Giordano-Bruno-Stiftung). Aufgrund der kürzeren Wegstrecke in Düsseldorf haben sich die Maßstäbe gegenüber den Evolutionspfaden in Leimen und Kyritz verändert: Die Zeit von der Entstehung des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren bis heute legt man in Düsseldorf in 460 Metern zurück, jeder Millimeter des Weges entspricht also 10.000 Jahren, jeder Zentimeter 100.000 Jahren, jeder Meter 10 Millionen Jahren.

Wie bei den anderen Evolutionswegen wird die Entwicklung des irdischen Lebens auch in Düsseldorf mithilfe von 20 Tafeln anschaulich vermittelt: von der Entstehung der Erde vor 4,6 Milliarden Jahren über die ersten Spuren des Lebens vor 4 Milliarden Jahren, die Entwicklung komplexer Zellen, der ersten Weich- und Wirbeltiere bis hin zum modernen Menschen. Übersichtlicher kann die faszinierende Geschichte der Evolution kaum gezeigt werden.

Ursprünglich sollte die Einweihung des Düsseldorfer Evolutionsweges, der im Nordpark entlang der Grünewaldstraße vom Aquazoo-Löbbecke-Museum bis zur Rotterdamer Straße am Rhein verläuft, bereits am 3. April stattfinden. Dieser Termin musste jedoch im Zuge der Corona-Krise verschoben werden. Da die Kontaktsperren in der Öffentlichkeit inzwischen aufgehoben wurden und die "Einweihung" zudem unter freiem Himmel erfolgt, sind die Veranstalter zuversichtlich, dass das Eröffnungsevent nun wie geplant stattfinden kann. Daher laden der Düsseldorfer Aufklärungsdienst, das Aquazoo-Löbbecke-Museum sowie das Evokids-Projekt alle Interessierten herzlich dazu ein, am Freitag, dem 12. Juni 2020, an der Eröffnung des Düsseldorfer Evolutionsweges teilzunehmen. Die Veranstaltung beginnt um 11.00 Uhr vor dem Aquazoo-Löbbecke-Museum (Kaiserswerther Str. 380, 40474 Düsseldorf). Weitere Informationen findet man unter:
https://aufklaerungsdienst.de/eroeffnung-evolutionsweg/
https://evolutionsweg.de/


Literaturempfehlungen

Katharina Nocun / Pia Lamberty: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga 2020. In Zeiten der Verunsicherung treiben Verschwörungsmythen besonders abstruse Blüten. Insofern hätten die beiden Autorinnen kaum einen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung ihres gemeinsamen Buches finden können. Wer aber glaubt, "Fake Facts" sei ein angesichts der Corona-Krise mit heißer Nadel gestrickter Schnellschuss, irrt sich: Das hervorragend recherchierte Buch stellt die Diskussion über Verschwörungserzählungen und Fake News auf ein solides wissenschaftliches Fundament, insbesondere dadurch, dass es die psychologischen Mechanismen aufdeckt, die uns Menschen so anfällig für das Angebot vermeintlich "geheimer, unterdrückter Wahrheiten" machen. Eine lohnende Lektüre zum gbs-Schwerpunktthema 2020 "Die hohe Kunst der Rationalität" sowie eine sinnvolle Ergänzung zu Bernd Harders 2018 erschienenem Einführungsbuch "Verschwörungstheorien. Ursachen – Gefahren – Strategien". Sehr empfehlenswert!
Verlagsseite zu "Fake Facts":
https://www.luebbe.de/quadriga/buecher/gesellschaft/fake-facts/id_7818123
Verlagsseite zum Buch von Bernd Harder:
https://www.alibri-buecher.de/Buecher/Irrationalismus/Bernd-Harder-Versc...

Bernd Vogt: Missbraucht im Namen des Herrn. Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit in einer Evangelischen Freikirche. BoD 2020. Mit "Mission Gottesreich" (Ch. Links-Verlag) haben Oda Lambrecht und Christian Baars 2009 einen wichtigen Einblick in das verstörende Weltbild fundamentalistischer Christen in Deutschland gegeben. Authentische Insiderberichte von Aussteigern aus evangelischen Freikirchen waren bislang jedoch rar. Bernd Vogt schließt diese Lücke mit seiner bewegenden Autobiographie. Ein mutiges, aufrüttelndes Buch, das ebenso berührend wie humorvoll aufzeigt, was es bedeutet, in einer von Verschwörungsmythen geprägten, hermetisch abgeriegelten Glaubenswelt aufwachsen zu müssen.
Verlags-Website zum Buch:
https://www.bod.de/buchshop/missbraucht-im-namen-des-herrn-bernd-vogt-97...

Nadine Pungs: Meine Reise ins Übermorgenland. Allein unterwegs von Jordanien bis Oman. Malik 2020. Nach ihrem faszinierenden Iran-Buch "Das verlorene Kopftuch" legt Moderatorin und Autorin Nadine Pungs (Düsseldorfer Aufklärungsdienst) ihr zweites Reisebuch im Malik-Verlag vor. Dieses Mal hat sie das Abenteuer gewagt, die Arabische Halbinsel allein mit dem Rucksack zu erkunden. Ihre Route führte sie von Jordanien über Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman bis nach Katar. Zurückgekommen ist sie mit reichen Eindrücken, die sie mit viel Empathie, aber auch scharfem analytischem Blick schildert. Ein schillernder, facettenreicher Reisebericht, der von einer "Region im Umbruch" erzählt und uns auf eindrucksvolle Weise die Menschen näherbringt, die sich hinter den gängigen Klischees vom "sagenhaften Orient" bzw. vom "bedrohlichen Nahen Osten" verbergen. Wer sich von solchen Stereotypen befreien will, sollte unbedingt zugreifen!
Verlags-Website:
https://www.piper.de/buecher/meine-reise-ins-uebermorgenland-isbn-978-3-...

Franz Josef Wetz: Keine Liebe ohne Lüge. Wie viel Ehrlichkeit verträgt eine Beziehung? Alibri 2020. Der Philosoph und gbs-Beirat Franz Josef Wetz befasst sich nicht nur mit Tod und Sterben (siehe die oben erwähnte Livesendung zu dem Buch "Tot ohne Gott"), sondern auch mit Lust und Ekstase (siehe u.a. das Buch "Exzesse. Wer tanzt, tötet nicht"). Zu dieser zweiten Kategorie zählt auch "Keine Liebe ohne Lüge". Wie immer bei Wetz, findet man auch in diesem Buch viele kluge Einsichten in brillanter Formulierung. Dringende Kaufempfehlung – vor allem für diejenigen, die das inzwischen leider vergriffene Vorgängerwerk "Lob der Untreue. Eine Unverschämtheit" verpasst haben sollten!
Verlags-Website:
https://www.alibri-buecher.de/Buecher/Philosophie/Franz-Josef-Wetz-Keine...

Stefan Schröder: Freigeistige Organisationen in Deutschland. Weltanschauliche Entwicklungen und strategische Spannungen nach der humanistischen Wende. De Gruyter 2018/2020. Die umfangreiche Studie des Religions- und Kulturwissenschaftlers Stefan Schröder, die vor allem auf die organisatorischen und strategischen Unterschiede zwischen der Giordano-Bruno-Stiftung und dem Humanistischen Verband Deutschlands eingeht, ist bereits 2018 erschienen, liegt aber erst seit diesem Jahr in einer erschwinglichen Taschenbuch-Ausgabe vor (€ 19,95 gegenüber € 99,- der Originalausgabe). Der Autor, der für seine gründliche Analyse umfangreiche Quellenstudien betrieben hat, stellt die wesentlichen Aspekte seines Themas erfreulich klar und präzise dar. Als Außenstehender bewertet er einige Dinge zweifellos anders, als es beispielsweise die Verantwortlichen der gbs tun würden – aber das ist (frei nach Wowereit) auch gut so! Schließlich ist Kritik ein Geschenk… Helmut Fink, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der gbs sowie ehemaliger KORSO-Vorsitzender und HVD-Funktionär viele Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln konnte, hat Schröders Studie in einem ausführlichen Audio-Podcast besprochen, der u.a. hier abgerufen werden kann: https://kortizes.de/26-freigeist-freigeistige-organisationen-im-blick-de...
Verlags-Website zum Buch:
https://www.degruyter.com/view/title/540250?language=de

Helmut Fink / Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Was hält uns jung? Neuronale Perspektiven für den Umgang mit Neuem. Kortizes 2020. Ist man wirklich so jung, wie man sich fühlt? In dem von Helmut Fink und Rainer Rosenzweig (Kortizes, gbs) herausgegebenen Sammelband beleuchten renommierte Expertinnen und Experten aus unterschiedlichem Blickwinkel (neurowissenschaftlich, medizinisch, evolutionsbiologisch, psychologisch, philosophisch) das Thema "Alter", dem sich auf Dauer niemand entziehen kann. Sämtliche Beiträge des glänzend lektorierten und mit einem hilfreichen Glossar versehenen Buches sind überaus lesenswert und wecken die Neugier des Lesers, was vielleicht das beste Mittel gegen vorzeitige Alterserscheinungen ist. Insofern bietet das Buch selbst eine Antwort auf die Titelfrage "Was hält uns jung?", wie der Rezensent mit einem Augenzwinkern bestätigen kann: Das Lesen des Buches "kostete" nur wenige Stunden, aber nach der Lektüre der interessanten Beiträge fühlte er sich "mindestens eine Woche jünger"… ;-)
Buchbeschreibung auf der Kortizes-Website:
https://kortizes.de/multimedia/buecher/


Die nächsten Termine

Die Termine der nächsten Wochen finden Sie, wie immer, im gbs-Terminkalender

 
Mit freundlichen Grüßen
Das gbs-Newsletter-Team
https://www.giordano-bruno-stiftung.de

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