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"Die hohe Kunst der Rationalität"

Giordano-Bruno-Stiftung stellte ihr Schwerpunktthema 2020 vor

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Bild: Julian Held

Auf dem gbs-Neujahrsempfang am vergangenen Sonntag, der von dem furiosen Klavierspiel des Pianisten Kai Adomeit gekrönt wurde, hat die Giordano-Bruno-Stiftung ihr Schwerpunktthema für das aktuelle Jahr vorgestellt: "Die hohe Kunst der Rationalität: Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten". Am Rande der Veranstaltung gab die Stiftung zudem die Neubesetzung ihres Kuratoriums bekannt.

Zum 100. Todestag von Max Weber und zum 99. Geburtstag ihres Beiratsmitglieds Hans Albert wird die Giordano-Bruno-Stiftung in diesem Jahr eine "Rationalismus-Kampagne" starten. gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon führte in seiner Neujahrsansprache aus, dass Weber und Albert zu den "bedeutendsten Wissenschaftstheoretikern aller Zeiten" gehören: "Sie haben nicht nur die wissenschaftliche Logik und Methodik präzisiert, sondern auch aufgezeigt, dass das Bemühen um kritische Rationalität eine zentrale ethische Verpflichtung ist, der wir uns allesamt stellen sollten – auch wenn uns im Alltag, im Beruf oder in der Politik möglicherweise die Befolgung komplett anderer Regeln abverlangt wird."

Schmidt-Salomon führte aus, dass die von der Stiftung beabsichtigte "Förderung kritischer Rationalität" – trotz Donald Trump als markantem Negativbeispiel – kein einfach zu vermittelndes Thema sei, denn es sei erstens abstrakt und gehe zweitens an die Substanz: "So leicht es ist, Rationalität gegenüber anderen einzufordern, so schwer ist es, selbst den Anforderungen der Rationalität zu genügen. Denn wir alle leben in unseren jeweiligen Filterblasen, in unseren jeweiligen Echokammern. Wir alle designen die Wirklichkeit nach unseren eigenen Erwartungen, so borniert diese auch immer sein mögen. Und wir alle verfallen allzu leicht dem Lagerdenken, weshalb wir häufig gar nicht erst auf den Gedanken kommen, alternative Sichtweisen zuzulassen oder gar Argumente aufzugreifen, die von der angeblich ‚falschen Seite‘ stammen."

Hans Albert hat schon vor mehr als 50 Jahren darauf hingewiesen, dass das von ihm vorgeschlagene Konzept der kritischen Rationalität kein "abstraktes Prinzip ohne existenzielle Bedeutung" ist, sondern eine "Lebensweise": "Leider aber handelt es sich dabei um eine Lebensweise, zu der wir Menschen nicht gerade auf intuitivem Wege gelangen, weil wir in unserem Leben eher nach Bestätigungen suchen als nach Widerlegungen", erklärte der Stiftungssprecher. "Kaum jemand freut sich ernsthaft darüber, wenn er eines Besseren belehrt wird, obwohl er gerade dies unter kritisch-rationalen Gesichtspunkten unbedingt tun sollte! Halten wir also fest: Es ist nicht leicht, kritisch-rational zu leben. Doch immerhin kann die kritisch-rationale Lebensweise sehr wohl eingeübt werden – und genau dies wollen wir in diesem Jahr durch entsprechende Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Aktionen fördern."

 
Das neue gbs-Kuratorium: Weiblicher und jünger

Am Rande des Neujahrsempfangs wurde bekanntgegeben, dass gbs-Gründer Herbert Steffen nach eingehender Beratung mit allen Betroffenen das Kuratorium der Stiftung zum 1. Januar 2020 umstrukturiert hat. "Unser Kuratorium hat in den letzten 15 Jahren hervorragende Arbeit geleistet", erklärte Steffen, "aber es ist an der Zeit, dass dieses hohe Gremium der Stiftung jünger und weiblicher wird." Dem neu gebildeten Kuratorium gehören nun mit der Juristin Jacqueline Neumann, der Filmemacherin Ricarda Hinz, der Unternehmerin Assunta Tammelleo, dem Bioinformatiker Thorsten Barnickel und dem Wahrnehmungspsychologen Rainer Rosenzweig drei Frauen und zwei Männer an. "Geschlechterparität ist mir schon lange ein wichtiges Anliegen", sagte Steffen, "aber leider ist es nicht immer leicht, sie umzusetzen. Mit der weiblichen Dominanz im Kuratorium können wir vielleicht ein wenig ausgleichen, dass unser Beirat noch immer von Männern dominiert wird. Außerdem haben wir durch die Umbesetzungen den Altersdurchschnitt im Kuratorium deutlich gesenkt, was wichtig für die Zukunft ist."

Die bisherigen Kuratoriumsmitglieder Hermann-Josef Schmidt, Robert Maier, Wolf Steinberger und Jacques Tilly sind mit Jahresbeginn in den Beirat der Stiftung gewechselt. Ingrid Steffen-Binot hat ihren Kuratoriumsposten aufgegeben, ist aber weiterhin für das Finanzwesen und die Buchhaltung der Stiftung verantwortlich. Im Frühjahr werden das alte und das neue Kuratorium zu einer gemeinsamen Sitzung zusammenkommen, was gbs-Gründer Herbert Steffen nicht zuletzt auch dazu nutzen will, "um unseren langjährigen Kuratoren noch einmal offiziell für ihr großartiges Engagement zu danken".