»Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin«
Akzeptanzkampagne für Vielfalt und Selbstbestimmung im Islam gestartet
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Für gleiche Rechte und Sichtbarkeit queerer Musliminnen und Muslime in einer freien Gesellschaft (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redaktionellen Verwendung)
Heute ist die Akzeptanzkampagne »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« in Berlin an den Start gegangen. Staffel 1 zeigt vier Motive: eine muslimische Lehrerin ohne Kopftuch, eine interkulturelle Familie, ein schwules Paar und eine gesellige Szene mit Alkohol. Damit setzt die Kampagne ein Zeichen für Selbstbestimmung und innerislamischen Pluralismus und klärt zugleich über die Hegemoniekonzepte der »Islamfeindlichkeit« und »Islamophobie« auf.
Die Aktion, die vom Mernissi-de Gouges Bildungs- und Sozialwerk, der Ibn Rushd-Goethe Moschee und dem (von der gbs unterstützten) »Arbeitskreis Politischer Islam« (AK Polis) getragen wird, ist ab sofort in Berlin auf Großplakaten zu sehen. Außerdem wird sie auf Postkarten in über 300 gastronomischen und kulturellen Einrichtungen, Kinos sowie in den sozialen Medien gezeigt.
Die Initiatoren leisten damit einen Beitrag zu dem erstmals in Berlin geplanten »Aktionstag gegen Islamfeindlichkeit« am 15. März 2026 – bereichern diesen jedoch um eine ganzheitliche, freiheitliche Deutung. Unter dem Motto »Islamische Vielfalt leben – Freiheit schützen« machen sie Pluralismus im Islam sichtbar. Mit ihrem Bekenntnis zur individuellen Glaubensfreiheit und zur Selbstbestimmung erteilen sie islamistischen Machtansprüchen und der Kooperation mit verfassungsfeindlichen Akteuren eine deutliche Absage – und werden dabei von Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner mit einer Videobotschaft unterstützt.
Projektleiter der Akzeptanzkampagne ist Tugay Saraç von der »Anlaufstelle für Islam & Diversity (AID)«. Saraç erläutert die vier Motive, die die Akzeptanzkampagne in Staffel 1 zeigt: eine muslimische Lehrerin ohne Kopftuch, eine interkulturelle Familie westlicher Prägung mit muslimischer Mutter, ein schwules Paar sowie eine gesellige Szene mit Rakı. Tugay Saraç sagt zur Auswahl der Motive: »Wir zeigen muslimische Menschen, wie sie tatsächlich leben. Musliminnen und Muslime sind keine homogene Gruppe. Vielfalt im Islam ist Normalität – das macht die Akzeptanzkampagne sichtbar.«
Geselligkeit jenseits islamistischer Normen – auch mit Alkohol

Zum Motiv des Muslims mit Alkohol sagt Saraç: »Rakı steht hier für Geselligkeit, für Gespräche, für Freude am Leben. Muslimische Identität lässt sich nicht auf ein rigides Alkoholverbot reduzieren, wie es von islamistischen Gruppen verlangt wird. Der Genuss von Alkohol hat in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften eine lange Tradition.«
Muslimische Frau für freie Partnerwahl

Das Motiv der interkulturellen Familie findet Saraç ausgesprochen wichtig: »Für viele Menschen ist das eine ganz normale Familie. Und genau das ist der Punkt. Dennoch erleben wir immer wieder, dass interkulturelle Ehen – insbesondere wenn eine muslimische Frau einen nicht-muslimischen Partner wählt – von autoritären und radikalen Strömungen im Islam stark abgelehnt werden. Leider haben diese Haltungen auch in Deutschland Fuß gefasst. In nicht wenigen Fällen führt dieses Verständnis von ›Ehre‹ zu Zwangsverheiratungen und Gewalt. Wir setzen mit diesem Motiv ein Zeichen für die Selbstbestimmung von Frauen. Über ihr Leben und ihren Ehepartner darf sie selbst bestimmen – nicht ihr Vater, nicht ihr Onkel und nicht ihre Brüder.«
Schwules muslimisches Paar für gleiche Rechte

Mit Blick auf das Motiv eines schwulen Paares erklärt Saraç: »Queere Musliminnen und Muslime sind Teil unserer Gesellschaft. Dies ist eine Errungenschaft unserer Gesellschaft in Deutschland. Wer offen homosexuell leben will, erlebt in bestimmten Berliner muslimischen Communities jedoch zunehmend massive Ablehnung – bis hin zu Mobbing und Bedrohungen. Der Fall des Lehrers Oziel Inácio-Stech an der Carl-Bolle-Grundschule in Berlin hat gezeigt, welcher Druck aufgebaut wurde, als muslimische Schüler und Eltern seine Homosexualität nicht akzeptierten. Ihm und anderen queeren Personen die gleiche Würde und gleiche Rechte abzusprechen, widerspricht sowohl den Menschenrechten als auch dem Verständnis von Allah als barmherzigem Schöpfer. Einen Menschen wegen seiner sexuellen Orientierung zu mobben, anzugreifen oder gar zu töten, ist menschenfeindlich – und aus meiner Sicht auch mit dem Islam gänzlich unvereinbar.«
Muslimische Lehrerin für staatliche Neutralität

Besonders deutlich wird die Stoßrichtung der Akzeptanzkampagne beim Thema Kopftuch: »Etwa ein Drittel der muslimischen Frauen in Deutschland trägt ein Kopftuch. Dennoch werden Musliminnen in Werbung und Kampagnen fast ausschließlich mit Kopftuch dargestellt. Islamistische Gruppen versuchen seit Jahren, immer strengere Verschleierungsnormen in Deutschland durchzusetzen – vom Kopftuch über den Gesichtsschleier bis hin zur Vollverschleierung mit Burka oder Niqab.« Saraç sagt: »Es ist ein Marker des Kollektivismus. Unsere Kampagne zeigt, dass muslimisches Leben in Deutschland wesentlich vielfältiger und freier ist. Warum sollten 30 Prozent die vermeintliche Norm repräsentieren, während 70 Prozent unsichtbar bleiben?«
Vor dem Hintergrund der Attacken auf das Neutralitätsgesetz in Berlin habe man sich bewusst für das Motiv einer Lehrerin ohne Kopftuch entschieden. Saraç: »Wir zeigen eine muslimische Lehrerin, die Verantwortung im staatlichen Bildungssystem übernimmt – ohne Kopftuch. Ob sie privat eines trägt, zeigt das Bild nicht, und das ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie im staatlichen Raum religiös und weltanschaulich neutral auftritt.«
Saraç betont abschließend: »Unsere Motive stehen für Individuen mit unterschiedlichen Biografien und freiheitlichen Lebensentwürfen. Sie unterscheiden sich deutlich von kollektivistischen Identitätsmodellen, wie sie von islamistischen Akteuren vertreten werden. Wir zeigen die wirkliche Vielfalt in Deutschland. Musliminnen und Muslime sind keine homogene Gruppe. Vielfalt ist Normalität.«