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Newsletter vom 17.2.2021

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Szenenfoto aus dem Film "Hans Albert - Der Jahrhundertdenker"

Inhalt:


Der Jahrhundertdenker

gbs veröffentlicht Film zum 100. Geburtstag von Hans Albert

Anlässlich des runden Geburtstags ihres Gründungsbeirats Hans Albert hat die Giordano-Bruno-Stiftung einen Film produziert, der ebenso unterhaltsam wie informativ in das Leben und Werk des bedeutenden Wissenschaftstheoretikers einführt. Mit bislang unveröffentlichten Bildern und ungewöhnlichen Animationen klärt die Doku darüber auf, warum Alberts Einfluss auf Wissenschaft und Gesellschaft noch immer unterschätzt wird.

Drehbuchautor Michael Schmidt-Salomon, der als Moderator durch den Film führt, erklärt den markanten Kontrast zwischen Alberts hoher wissenschaftlicher Bedeutung und der eher geringen Wertschätzung im Feuilleton unter anderem damit, dass Albert eine "einfache, verständliche Sprache" verwendete, was ihn "für viele Intellektuelle unattraktiv machte, weil hierzulande noch immer das Vorurteil gilt, nur ein komplett unverständlicher Gedanke sei ein wahrhaft tiefsinniger Gedanke". Negativ auf Alberts Popularität habe sich zudem ausgewirkt, dass er sich dem "Zeitgeist" niemals anbiederte und es strikt ablehnte, eine "autoritäre Führungsrolle" zu spielen.

Die Doku "Hans Albert – Der Jahrhundertdenker" belegt diese und andere Thesen mit eindrucksvollen Bildern und gewitzten Trickfilm-Animationen. So wird etwa der berühmt-berüchtigte "Positivismusstreit" anhand eines Boxkampfes illustriert, bei dem in der ersten Runde Karl Popper und Theodor W. Adorno sowie in der zweiten Runde Hans Albert und Jürgen Habermas gegeneinander antreten. Alberts nicht minder berühmtes "Münchhausentrilemma" verdeutlicht der Film anhand eines gestressten Vaters, der sich den bohrenden "Warum"-Fragen seiner Tochter stellen muss.

Die ungewöhnliche Anlage des Films sei zum Teil auf die Bedingungen der Corona-Krise zurückzuführen, sagt Regisseurin Ricarda Hinz: "Wir konnten wegen der Corona-Maßnahmen nicht einfach losziehen und stundenlange Interviews führen. Also haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und nach alternativen Lösungen gesucht." Glücklicherweise konnte das Filmteam dabei auf das Privatarchiv der Familie Albert zurückgreifen, so dass die Doku viele Bilder aus Alberts Leben, etwa von seinen Begegnungen mit Karl Popper oder Paul Feyerabend, zeigt, die bislang unveröffentlicht waren.

Lesen Sie weiter in der Originalmeldung der gbs und/oder besuchen Sie das "Digitale Archiv" des Hans-Albert-Instituts (HAI)! Dort finden Sie verschiedene Würdigungen zum 100. Geburtstag des großen Wissenschaftstheoretikers (u.a. Artikel aus der Frankfurter Rundschau, der ZEIT, der FAZ oder auch ein ausführlicher Audio-Podcast von gbs-Mitarbeiter und HAI-Beirat Helmut Fink). Schauen bzw. hören Sie rein, es lohnt sich!


Strafanzeige gegen Abtreibungsgegner wegen Volksverhetzung

ifw geht gegen Betreiber der Internetseite babycaust.de vor

Auf seinen Internetseiten "Babycaust" und "Abtreiber" bezeichnet Klaus Günter Annen Ärztinnen wie Kristina Hänel und Nora Szász als "Auftragsmörderinnen" und setzt Schwangerschaftsabbrüche mit dem nationalsozialistischen Völkermord gleich. Dagegen hat das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) nun Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Gießen eingereicht. Unterstützt wird die Anzeige von über 90 Personen und Vereinen.

Bereits im Jahr 2020 hatte das Landgericht Hamburg entschieden, dass Annen die von Kristina Hänel durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr mit dem Holocaust gleichsetzen dürfe. Das Gericht verurteilte den radikalen Abtreibungsgegner damals zur Zahlung einer Entschädigung in Höhe von 6000 Euro. Diese Entscheidung hat Annen jedoch nicht davon abgehalten, seine Website babycaust.de weiter zu betreiben und Ärztinnen und Ärzte wiederholt wegen angeblicher "Werbung für den Schwangerschaftsabbruch" (§ 219a StGB) bei den Staatsanwaltschaften anzuzeigen.

Das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) dreht den Spieß nun um: Nach einer strafrechtlichen Auswertung der Webseiten Annens durch Rechtsanwalt Christian Roßmüller erstattete das ifw Strafanzeige. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der radikale Abtreibungsgegner weiterhin Ärztinnen und Ärzte angreift, ratsuchende Frauen verunsichert und den Massenmord an Juden durch den Vergleich mit Schwangerschaftsabbrüchen bagatellisiert.

Weitere Infos hierzu gibt es auf der gbs-Website.


Kristina Hänel darf nicht mehr über Abtreibungen informieren – wir schon!

gbs bringt Website abtreibung-info.de an den Start

Kristina Hänel wurde wegen Paragraf 219a des Strafgesetzbuches, der es ÄrztInnen verbietet, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, rechtskräftig verurteilt. In dem Beschluss des Oberlandesgerichtes in Frankfurt wird argumentiert, dass auch bloß sachliche Informationen über das "Ob" und das "Wie" des Schwangerschaftsabbruchs durch den Paragrafen unter Strafe gestellt sind. Es kommt also überhaupt nicht darauf an, ob die Informationen anbietenden Charakter haben oder nicht. Sie sind grundsätzlich verboten, wenn sie von Fachleuten, die selbst Schwangerschaftsabbrüche durchführen, ausgehen.

Für Kristina Hänel hat dies unmittelbare Konsequenzen: "Nun bin ich leider gezwungen, meine Informationen von der Webseite zu nehmen, sonst wäre ich am Ende finanziell ruiniert", schrieb sie in einem Beitrag auf Twitter. Wichtig sei es nun, dass alle Personen, die keine Schwangerschaftsabbrüche durchführen, darüber informieren.

Die Giordano-Bruno-Stiftung, die das Rechtsverfahren um § 219a StGB gemeinsam mit dem Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) begleitet, kommt der Bitte von Kristina Hänel nach. Auf der im Januar freigeschalteten Webseite "abtreibung-info.de" werden Informationen bereitgestellt, die Hänel selbst nicht mehr veröffentlichen darf. Die Webseite, die u.a. auch seriöse Hilfs- und Beratungsstellen auflistet, wird in den kommenden Wochen sukzessive ausgebaut. Dies ist nicht zuletzt auch deshalb nötig, weil im Netz zahllose Portale von Abtreibungsgegnern kursieren, die wichtige Fakten unterschlagen oder sogar gezielte Falschinformationen verbreiten.

Lesen Sie den vollständigen Beitrag auf der gbs-Website.


Kurz notiert

Rationalitäts-Wettbewerb stößt auf große Resonanz: Der Essay-Wettbewerb zum 100. Geburtstag von Hans Albert traf auf mehr Zuspruch, als es die Ausrichter, das Hans-Albert-Institut sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft humanistischer Studierender, erwartet haben. Rund 130 junge Menschen unter 30 Jahren schickten Beiträge zum Thema "Was ist rational?" ein. Die Jury wird die Beiträge in den kommenden Monaten sichten. Die Gewinner werden spätestens im August 2021 bekanntgegeben. Die Preisverleihung soll im Rahmen der großen Tagung "Konstruktion und Kritik" stattfinden, die vom Lehrstuhl von Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf (gbs-Beirat) in Kooperation mit dem Hans-Albert-Institut in Würzburg ausgerichtet wird. (Weitere Informationen hierzu folgen in einem späteren Newsletter.)

Facebook lenkt bei Beschwerde ein: Wie bereits im ersten Newsletter dieses Jahres berichtet, hatten Facebook/Instagram einen Beitrag bzw. das Profil des religionskritischen Bloggers Amed Sherwan gesperrt. Stein des Anstoßes war ein Bild, das zwei küssende Männer vor der Kaaba zeigte. Nach einer (von der gbs unterstützten) Beschwerde Sherwans lenkte Facebook Ltd. jedoch ein: Das Instagram-Profil von Amed wurde wieder hergestellt und der Facebook-Beitrag, der zur zeitweiligen Sperrung seines Kontos führte, ist wieder zu sehen. Nun darf man gespannt darauf sein, wie Facebook bei der anstehenden Verhandlung die ursprünglichen Sperrungen begründen wird. Unsere grundsätzliche Kritik an den Vorgaben des "Netzwerkdurchsetzungsgesetzes" bleibt jedenfalls bestehen.

gbs kritisiert geplanten Eingriff in die Privatsphäre: Unbemerkt von der Öffentlichkeit, die in den letzten Monaten mit "Corona" beschäftigt war, hat die EU-Kommission ein Gesetz entworfen ("ePrivacy Derrogation"), das zu einem beispiellosen Eingriff in die Privatsphäre der EU-Bürger*innen führen würde. Gewiss, das Ziel des Vorhabens ist wichtig und richtig, nämlich der Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Doch heiligt das Ziel die Mittel? Und hilft das Mittel der Massenüberwachung überhaupt, das angestrebte Ziel zu erreichen? Oder sind mit ihm Risiken und Nebenwirkungen verbunden, die seinen vermeintlichen Nutzen weit übertreffen? Peder Iblher, Referent für digitale Grundrechte bei der Giordano-Bruno-Stiftung, kommt zu einem klaren Ergebnis: "Eine Totalüberwachung unserer elektronischen Kommunikation ist ein schädlicher Wahn."

Team um Axel Meyer entziffert größtes bekanntes Tiergenom: Das Erbgut des Australischen Lungenfischs umfasst über 43 Milliarden DNA-Bausteine und ist damit fast 14-mal größer als das des Menschen. Gelungen ist die Sequenzierung des größten bekannten Tiergenoms einem internationalen Team um den Konstanzer Evolutionsbiologen Axel Meyer (Mitglied des gbs-Beirats). Die Befunde wurden zuerst im Wissenschaftsjournal "Nature" publiziert, aber bald darauf auch von der internationalen Presse verbreitet, in Deutschland u.a. von der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT. Bemerkenswert sind die Forschungsergebnisse von Meyer & Co. auch deshalb, weil sie unser Verständnis des Landgangs der Tiere vor 420 Millionen Jahren vertiefen – ein Faktum, das von Evolutionsgegnern noch immer heftig bestritten wird. Umso wichtiger, dass nun handfeste genetische Belege dafür vorliegen, dass die Lungenfische die "nächsten lebenden Fischverwandten des Menschen" sind (siehe hierzu auch die Pressemitteilung der Universität Konstanz).

Jacques Tilly lässt sich vom Lockdown nicht stoppen: Die Rosenmontagszüge sind in diesem Jahr zwar Corona-bedingt ausgefallen, aber dies hielt gbs-Beirat Jacques Tilly nicht davon ab, acht bissig-satirische Wagen auf die Straße zu bringen. Aus gbs-Sicht besonders interessant: der "Eichelbischof" ("Das Kernproblem der katholischen Kirche") und der "Todesstoß für das Recht auf Abtreibung in Polen". Erfrischend "böse" waren allerdings auch die anderen Tilly- Wagen, etwa das "gegrillte Trump-Ferkel", das "Querdenkmal" und der "empfindlich getroffene Herr Putin". Wer mehr über den "Meister des gebauten Witzes" erfahren möchte, kann sich die ausführliche Filmdokumentation zu Gemüte führen, die das WDR-Fernsehen an Rosenmontag ausstrahlte (leider nur noch wenige Tage in der Mediathek verfügbar). Sehenswert!

Druck auf katholische Kirche steigt: Angesichts des Kölner Missbrauchsskandals und der überforderten Kirchenaustrittsstellen startete die gbs Ende 2020 die Aktion "Ich muss mal dringend austreten!". 2021 stieß die "Heute-Show" mit einer bissigen Kirchensatire ins gleiche Horn, mit ähnlicher Schärfe hatte sich zuvor schon die Satiresendung "Extra3" zum Thema geäußert. Aber nicht nur Satiriker rücken der Kirche zunehmend auf den Pelz: Raoul Löbbert, Mitglied der Chefredaktion von "Christ & Welt", zog in einem ZEIT-Artikel mit dem markigen Titel "Schluss. Aus. Amen!" eine bemerkenswert klare Bilanz: "Als klerikale Parallelgesellschaft passt die katholische Kirche nicht zur liberalen Demokratie. Der Staat darf nicht länger wegschauen." Die Folgen sind unübersehbar. So meldete der Kölner Stadtanzeiger vor wenigen Tagen, dass die tausend Termine, die das Kölner Amtsgericht jeden Monat für Kirchenaustritte anbietet, bei weitem nicht ausreichen, "um den seit Monaten sehr hohen Andrang der Austrittswilligen zu bewältigen": "Daher hat das Amtsgericht sein Angebot nochmals aufgestockt, um monatelange Wartezeiten zu vermeiden: Ab März werden rund 500 zusätzliche Termine monatlich zur Verfügung gestellt."
Im Zuge dieser Entwicklungen wächst in konservativen Kreisen die Befürchtung, die Kirche könne ihren gesellschaftspolitischen Einfluss verlieren und nach dem Debakel vor dem Bundesverfassungsgericht in Sachen Sterbehilfe in absehbarer Zeit auch die Deutungshoheit beim Schwangerschaftsabbruch verlieren. Besonders greifbar werden diese Befürchtungen in einem Artikel der katholischen "Tagespost" mit dem Titel "Die nächsten Schritte der Kristina Hänel", in dem die (offenbar bedrohlich wirkende) Unterstützung durch die Giordano-Bruno-Stiftung besonders hervorgehoben wird. Die Darstellung in diesem Artikel der "Tagespost" ist zwar sehr tendenziös, aber weitgehend sachgerecht – auch wenn es sich bei der Giordano-Bruno-Stiftung keineswegs,  wie in dem Artikel behauptet wird, um die "intellektuelle Speerspitze des Neuen Atheismus in Deutschland" handelt (das ist wahrlich NICHT unser Thema!), sondern vielmehr um eine treibende Kraft des "Neuen Humanismus" (siehe hierzu die Darlegungen zum gbs-Leitbild auf der Stiftungswebsite).


Die nächsten Termine

Die Termine der nächsten Wochen finden Sie, wie immer, im gbs-Terminkalender.

Apropos Termine: Am heutigen 17. Februar vor exakt 421 Jahren wurde Giordano Bruno als "Ketzer" auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er den Dogmen der katholischen Kirche nicht folgen konnte und stattdessen an die Unendlichkeit des Universums glaubte. Seine tragische Hinrichtung ist eigentlich kein geeignetes Thema für eine Karikatur, der Zeichner Oliver Ottitsch ist dieses Wagnis mit "Giordano Brunos Abschiedsgruß" dennoch eingegangen - und trifft womöglich exakt die Haltung des Philosophen, der vor 421 Jahren auf den schrecklichen Urteilsspruch der katholischen Inquisitoren erwiderte: "Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme."

 
Mit freundlichen Grüßen
Das gbs-Newsletter-Team