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"Ein außergewöhnlicher Mensch"

Giordano-Bruno-Stiftung trauert um den Physiker und Kabarettisten Prof. Dr. Heinz Oberhummer

Er war der Inbegriff des verrückten (Physik-) Professors: In der Nacht von Montag auf Dienstag starb gbs-Beirat Prof. Dr. Heinz Oberhummer, der nicht nur als Astrophysiker, sondern auch als Sachbuchautor und Kabarettist internationale Anerkennung gefunden hat. Ein Nachruf von Michael Schmidt-Salomon.

 

Es gibt Menschen, von denen man sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie jemals sterben werden. Heinz Oberhummer war ein solcher Mensch, denn kaum jemand strahlte solche Lebensfreude und Vitalität aus wie er. Seine Leidenschaft für wissenschaftliche Themen war schier grenzenlos. Wenn Heinz in Fahrt war (und das war er oft), sprudelten die Argumente und Pointen nur so aus ihm heraus. Er war in solchen Fällen durch nichts und niemanden mehr zu bändigen – auch nicht durch die Alltagsroutinen im Fernsehen.  Während die anderen Talkgäste um ihn herum betont ruhig und bedächtig sprachen – so wie sie es von PR-Beratern gelernt hatten – gestikulierte er wild mit den Armen, seine Stimme überschlug sich schon nach wenigen Worten vor Begeisterung. Denn Heinz konnte gar nicht anders, als in Höchstgeschwindigkeit zu denken und zu reden, Pausen entstanden bei ihm nur, wenn er nach einer guten Pointe in sein markantes, obertonreiches Lachen verfiel.

Heinz Oberhummer war ein wahres Unikum, einer, dem die Fähigkeit zum gesetzten Auftreten eines seriösen Spitzenforschers völlig abging, er war der Inbegriff des genialen und zugleich leicht verrückten Professors. Und genau das liebten die Leute an ihm! Heinz musste sich keinen Deut verstellen, um die Menschen auf der Bühne zum Glucksen zu bringen. Er verstand es wie kaum ein anderer, die komplexesten Phänomene und Theorien der Physik nicht nur verständlich, sondern auch ungemein  unterhaltsam zu erklären. Als er 2007 mit Martin Puntigam und Werner Gruber die „Science Busters“, die „heißeste Science-Boygroup der Milchstraße“, gründete, war dies der Start zu seiner zweiten Karriere als Wissenschaftskabarettist, die mit einer stattlichen Anzahl an Preisen und Auszeichnungen und ausverkauften Tourneen in Österreich, Deutschland und der Schweiz belohnt wurde.

In den Jahrzehnten zuvor hatte Heinz, der seit 1988 Theoretische Physik an der Universität Wien lehrte, als Kern- und Astrophysiker von sich Reden gemacht. Seine Arbeiten zur Nukleosynthese (Entstehung schwerer Atome im Inneren von Sternen) sowie zur Feinabstimmung des Universums sorgten für internationales Aufsehen (u.a. auch für eine Nominierung zum Physik-Nobelpreis). 2008 fasste er seine wichtigsten Erkenntnisse zur Feinabstimmung in seinem großartigen, populärwissenschaftlichen Buch „Kann das alles Zufall sein?“ zusammen, das zum „Wissenschaftsbuch des Jahres“ gekürt wurde – eine Auszeichnung, die er wenige Zeit später zusammen mit den „Science Busters“-Kollegen auch für das Buch „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ erhielt.

Heinz wurde 2008 in den Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung aufgenommen und engagierte sich seither auf vielfältige Weise für ein rationales Weltbild sowie eine stärkere Beachtung der Interessen religionsfreier Menschen. So war er Gründungsvorsitzender des „Zentralrats der Konfessionsfreien“ in Österreich, Obmann der Initiative „Religion ist Privatsache“ und Mitinitiator des (in Österreich noch immer verbotenen) Vereins „Letzte Hilfe – Verein für selbstbestimmtes Sterben“.

Mit großer Wehmut denke ich zurück an die klugen, lustigen, tiefschürenden Gespräche mit ihm – nicht zuletzt auch an unseren gemeinsamen Abend in seinem „Heurigen“ in der Nähe von Wien. (Heinz scherzte damals, dass seine Mutter ihn, den Professor, erst in dem Moment ernstnahm, als er eine „echte Heurigen-Wirtin“ heiratete).

Die Nachricht von seinem Tod hat uns völlig unvorbereitet getroffen. Vor wenigen Wochen erst hatte Heinz den gbs-Vorstand zur Deutschlandpremiere des neuen „Science Buster“-Programms „Das Universum ist eine Scheißgegend“ in Mainz eingeladen. Er war damals vital wie eh und je. Niemand von uns hätte damit gerechnet, dass Heinz, der in dem Programm auch an der Gitarre rockte, nur eineinhalb Monate später nicht mehr leben würde.

Erst vergangene Woche strahlte der österreichische Radiosender FM4 eine Folge mit ihm aus, in der er seine große Faszination für die enorme Überlebensfähigkeit einiger Bakterienarten bekundete. Paradoxerweise wurde Heinz nun selbst zum Opfer der Überlebensfähigkeit derartiger Mikroorganismen. Er starb in der Nacht von Montag auf Dienstag völlig unerwartet an den Folgen einer Lungenentzündung. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Universum eine „Scheißgegend“ ist – er wäre hiermit erbracht! Denn Heinz hatte mit seinen 74 Jahren noch unendlich viel vor und er hätte der Welt noch sehr viel mehr Wissen und Freude schenken können! Wir trauern um einen großen Physiker, einen hervorragenden Wissensvermittler und Kabarettisten, einen engagierten Stiftungsbeirat und nicht zuletzt auch um einen außergewöhnlichen Menschen. Es war eine große Ehre und Freude, ihn zu unseren Freunden zählen zu dürfen.