Sie sind hier

gbs-Jahresrückblick 2020

Die Stiftungsaktivitäten im Corona-Jahr

bruno_mit_maske.jpg

Bruno mit Maske (Gemälde: Wolfram P. Kastner, Corona-Modifikation: Roland Dahm)

Die Giordano-Bruno-Stiftung hatte sich für 2020 das Schwerpunktthema "Die hohe Kunst der Rationalität: Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten" gegeben – ohne zu ahnen, dass es in diesem Jahr eine "Corona-Krise" geben würde, die auch mit einer "Rationalitäts-Krise" einhergehen sollte. Trotz der Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Infektionszahlen eingeleitet wurden, konnte die gbs im zurückliegenden Jahr erstaunlich viele Aktivitäten entfalten, wie der Jahresrückblick 2020 verdeutlicht.

1. Quartal: Januar – März 2020

Eigentlich sollte 2020 das "Beethoven-Jahr" mit vielen internationalen Konzerten anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten werden. Und so startete auch die gbs mit Beethoven, wunderbar interpretiert von Kai Adomeit, ins neue Jahr. Bei seiner Neujahrsansprache stellte gbs-Sprecher Michael Schmidt-Salomon zudem das Schwerpunktthema 2020 "Die hohe Kunst der Rationalität: Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten" vor. Zudem beteiligte sich die Stiftung im Januar am Cradle to Cradle-Kongress in Berlin, an dem rund 1000 Interessierte teilnahmen.

Am 8. Februar 2020, pünktlich zum 99. Geburtstags des bedeutenden Wissenschaftstheoretikers (und gbs-Beirats) Hans Albert, stellte die gbs das "Hans-Albert-Institut" (HAI) vor, das zur Förderung des kritisch-rationalen Denkens in Politik und Gesellschaft beitragen soll. Wie man anhand der Website des Instituts nachvollziehen kann, hat das HAI im laufenden Jahr bereits zahlreiche Aktivitäten entfaltet und viele renommierte Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden.

Kurz darauf durfte die gbs einen bahnbrechenden Erfolg in Karlsruhe feiern: Am 26. Februar verkündete das Bundesverfassungsgericht seine wegweisende Entscheidung zur Suizidassistenz und erklärte den von der gbs von Anfang an bekämpften § 217 StGB für verfassungswidrig und nichtig. Das Urteil des höchsten deutschen Gerichts war nicht zuletzt auch ein Erfolg der Kampagne "Mein Ende gehört mir – Für das Recht auf Letzte Hilfe", deren wichtigste Stationen die gbs in einem ausführlichen Rückblick darstellte. Wenige Tage später konnte die gbs einen weiteren Erfolg vermelden: In dem Fall eines religionsfreien Franzosen, den das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) betreut hatte, lenkte das Erzbistum Berlin nach fünf Jahren juristischen Streits und mehreren Wellen negativer Medienberichterstattung Ende Februar ein und hob den gegen ihn verhängten Kirchensteuerbescheid auf.

Entsprechend gut war die Stimmung auf dem Jahrestreffen des ifw, das vom 6.-8. März am Stiftungssitz in Oberwesel stattfand und mit einem öffentlichen Vortrag von "Deutschlands bekanntestem Kriminologen" Professor Christian Pfeiffer endete. Pfeiffer forderte im "Haus Weitblick" die Rückholung der Missbrauchsakten aus dem Vatikan, Schadensersatz für lebenslange Verdienstausfälle der Missbrauchsopfer sowie die Zulassung von unabhängiger Forschung unter Beteiligung von 5.000 aktiven Priestern.

Die Veranstaltung mit Christian Pfeiffer (8. März) war die letzte öffentliche Veranstaltung, die 2020 am gbs-Stiftungssitz stattfinden konnte. Schon einen Tag später sagte die gbs (in Antizipation der kommenden Corona-Beschränkungen) alle geplanten Events ab, darunter auch die Gedenkfeier für Uwe-Christian Arnold, mit der der Erfolg in Sachen "Letzte Hilfe" vor dem Bundesverfassungsgericht gewürdigt werden sollte. Auf die Corona-Krise selbst reagierte die Stiftung im März mit einem Statement, das erklärte, weshalb sie auf Corona-Statements unter den gegebenen Verhältnissen weitgehend verzichten will. Angesichts der unübersichtlichen Datenlage sei nämlich eine "seriöse transdisziplinäre Erforschung des Virus, seiner Verbreitung und seiner Folgen" erforderlich – "kein weiteres Anheizen der Gerüchteküche."

   
2. Quartal: April – Juni 2020

Im April entwickelte die gbs Konzepte, wie die Stiftungsarbeit unter Corona-Bedingungen weitergeführt werden kann. So begann Ende April die von der gbs unterstützte Kortizes-Reihe mit öffentlichen Online-Vorträgen via Zoom sowie Anfang Mai die noch etwas aufwendiger produzierte DA-Reihe mit Vorträgen und Diskussionen aus dem "virtuellen gbs-Studio Düsseldorf", die via YouTube live ausgestrahlt wurde.

Ebenfalls im Mai meldete sich das Hans-Albert-Institut (HAI) mit einer Stellungnahme zur "Patientenautonomie in der Krise" zu Wort, die darlegte, dass es auch in Corona-Zeiten nicht um eine bedingungslose Rettung oder Verlängerung des Lebens gehen sollte, sondern "um eine ärztliche Versorgung, die dem Willen der Patienten entspricht und zu ihrem Wohl beiträgt." Wenige Tage später kritisierte die gbs das "Versagen des Deutschen Ethikrats", der die Bundesregierung bei komplexen Fragestellungen beraten soll.

Anfang Juni reichten gbs und HAI eine Stellungnahme zur Neuregelung der Suizidassistenz beim Bundesgesundheitsministerium ein, die praktische Empfehlungen für eine "neue Kultur des Sterbens" gibt und vor einer "Aushöhlung des Karlsruher Urteils" warnt. In dem Papier kritisierten die Verfasser*innen auch die "tendenziöse Auswahl der Expertinnen und Experten", die Gesundheitsminister Spahn um entsprechende Vorschläge gebeten hatte, da diese größtenteils aus ehemaligen Befürworter*innen des verfassungswidrigen §217 StGB bestanden. Zusätzlich zu dem gemeinsamen Papier von gbs und HAI legte auch das von der gbs getragene Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) eine entsprechende Stellungnahme vor, die insbesondere auf die juristischen Vorgaben hinweist, die das Bundesgesundheitsministerium nach dem Urteilsspruch aus Karlsruhe beachten muss.

Außerdem wurden im Juni zwei weitere Evolutionswege eröffnet, nämlich in Templin und in Düsseldorf. Somit konnte nach den ersten beiden Lehrpfaden in Leimen (Januar 2019) und Kyritz (März 2020) bislang vier Evolutionswege nach dem Konzept der gbs Rhein-Neckar realisiert werden. Ein fünfter Evolutionsweg im Westerwald war bereits in Planung, doch das Projekt sollte aufgrund der massiven Widerstände vor Ort im Herbst 2020 in die Schlagzeilen geraten (siehe unten).

  
3. Quartal: Juli – September 2020

Im Juli 2020 präsentierte das "Evokids-Projekt" auf seiner Website eine Erläuterung des Evolutionsweges in einfacher, kindgerechter Sprache, welche die "Erwachsenenversion" auf evolutionsweg.de seither sinnvoll ergänzt.

Im August stellte die von gbs-Beirat Carsten Frerk geleitete Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) ihre "Religionsstatistik 2019" vor. Sie zeigt auf, a) dass 92 Prozent der Deutschen Gottesdiensten fernbleiben und b) dass der Bevölkerungsanteil der Konfessionsfreien inzwischen auf 38,8 Prozent gestiegen ist. (Die in der Meldung enthaltene "fowid-Torte" ist seit Jahren beliebt, allerdings finden sich auf der Website fowid.de noch viele weitere spannende Meldungen, die sich zu lesen lohnen…)

Unter dem Motto "...wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus!" wurde am 15. August die Kunstausstellung zum "DA-Art-Award" eröffnet, die vom Düsseldorfer Aufklärungsdienst in Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung ausgerichtet wurde. Begleitend zur Ausstellung fanden wissenschaftliche Vorträge zum Thema "Fakten, Fakes und gefühlte Wahrheiten" (u.a. von den gbs-Mitgliedern Michael Schmidt-Salomon und Natalie Grams) sowie Comic-Lesungen (u.a. von Til Mette und Dorthe Landschulz) statt, die live über den YouTube-Kanal der Giordano-Bruno-Stiftung übertragen wurden.

Ebenfalls mit dem Jahresschwerpunktthema "Rationalität" beschäftigte sich der "Virtual Rationality Congress", der vom Hans-Albert-Institut Anfang September veranstaltet wurde. Die Vorträge des hochkarätig besetzten Online-Symposiums mit Michael Schmidt-Salomon, Lutz Jäncke, Katharina Nocun, Nikil Mukeri, Adriano Mannino und Natalie Grams wurden aufgezeichnet und können jederzeit nachverfolgt werden. Ende September begleitete die gbs-Kunstaktion "Die lange Bank des Missbrauchsskandals" die Tagung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda. Nach Abschluss der Tagung sägte der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Kirche Bischof Ackermann zusammen mit gbs-Mitarbeiter David Farago ein klitzekleines Stück der "langen Bank" ab, was signalisiert, dass die Katholische Kirche eine echte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und angemessene Entschädigung der Opfer noch immer weitgehend "auf die lange Bank" schiebt und dabei in Fulda allenfalls ein paar Zentimeter vorangekommen ist. Immerhin jedoch kam es am Rande der Aktion zu einem längeren Gespräch zwischen Bischof Ackermann und Matthias Katsch von der Opferorganisation "Eckiger Tisch", die in ihren Anliegen von gbs und ifw unterstützt wird.

 
4. Quartal: Oktober – Dezember 2020

Im Oktober 2020 erschien unter dem Titel "Produktives Streiten" Band 8 der gbs-Schriftenreihe, der erklärt, wie rationale Debatten gelingen können. Wenige Tage später schrieb das Hans-Albert-Institut den Essay-Wettbewerb "Was ist rational?" aus (Einsendeschluss für die Beiträge ist der 8. Februar 2021, der 100. Geburtstag von Hans Albert). Ebenfalls im Oktober wurde das aktuelle bruno.-Jahresmagazin 2020 ausgeliefert, das noch etwas bunter und vielfältiger ausgefallen ist als die vielgelobte bruno.-Erstausgabe aus dem vorangegangenen Jahr.

Anfang November stellte das ifw einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des Blasphemieparagrafen 166 StGB vor, nachdem die gbs diesen Schritt bereits Ende Oktober nach der Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty gefordert hatte. Mitte November fand das hochkarätig besetzte Kortizes-Symposium zum Thema "Wo sitzt der Geist?" statt, das von der gbs unterstützt wurde und an dem viele renommierte Expertinnen und Experten, u. a. die Neurowissenschaftler Wolf Singer und John-Dylan Haynes, mitwirkten.

Ebenfalls im November gelang es Evolutionsleugnern aus dem Westerwald, die von der Gemeinde Hellenhahn bereits beschlossene Errichtung eines Evolutionsweges per Bürgerentscheid zu verhindern, was einigen Medienrummel (u.a. einen Beitrag in der Satiresendung "Extra3") auslöste. Danach erreichten die Evolutionsweg-Entwickler deutlich mehr Anfragen als jemals zuvor, weshalb die Verächter des Evolutionsweges mit ihrer Aktion letztlich wohl zu einer noch größeren Verbreitung von Evolutionswegen (selbst im Westerwald) beigetragen haben.

Mindestens ebenso bemerkenswert waren die Reaktionen führender Kirchenvertreter und Medizinfunktionäre im Zusammenhang mit der ARD-Ausstrahlung des Theaterstücks "Gott" von Ferdinand von Schirach: Die gbs sprach in diesem Zusammenhang von einer "gezielten Fehlinformation der Öffentlichkeit" und stellte den "alternativen Fakten" der Sterbehilfegegner eine faktenbasierte Sicht der Dinge gegenüber.

Anfang Dezember begann die Stiftung schließlich mit dem Versand der neuen Broschüre "Leidenschaft zur Vernunft", welche die zentralen Inhalte des Jahresschwerpunktthemas "Die hohe Kunst der Rationalität" auf den Punkt bringt. Wie viele andere Broschüren der Stiftung kann auch diese Broschüre kostenfrei bestellt werden – gerne auch in höherer Stückzahl, beispielsweise zur Verwendung im Unterricht. Wenige Tage zuvor stellte die gbs ihre englischsprachige Website vor, mit deren Hilfe die Stiftung noch stärker in den internationalen Raum hineinwirken will.

 
Fazit

2020 war für viele ein schwieriges Jahr – auch für die Giordano-Bruno-Stiftung. Denn die Stiftungsarbeit hat in den letzten Jahren sehr von realen Treffen im Haus Weitblick sowie bundesweiten Präsenzveranstaltungen und Straßenaktionen gelebt, die in diesem Jahr nicht möglich waren. Es ist dann allerdings doch recht gut gelungen, die Treffen in den virtuellen Raum zu verlagern. Und die rund 50 Online-Vorträge und -Diskussionen, welche die gbs mitveranstaltet hat (neben der DA-Reihe, der Kortizes-Reihe und den Onlinekongressen gab es u.a. Online-Kooperationen mit der Saram-Stiftung, Mensa in Deutschland und der Säkularen Flüchtlingshilfe) haben viele tausend Menschen erreicht.

Eine glückliche Hand hat die Stiftung 2020 mit der Wahl ihres Schwerpunktthemas "Die hohe Kunst der Rationalität" bewiesen. Auf die irrationalen Debatten, die die Corona-Krise auslöste, hat die gbs schnell reagiert, indem sie sich in mehreren Online-Veranstaltungen kritisch mit den Verschwörungsmythen auseinandersetzte, welche auf dem Nährboden der Pandemie (forciert auch durch den inzwischen abgewählten amerikanischen "FakeNews-Präsidenten") erstaunliche Popularität erlangten. Allerdings hat die Stiftung in diesem Zusammenhang auch davor gewarnt, Menschen mit abweichenden Meinungen vorschnell in die "Verschwörungsecke" abzuschieben. Denn der wissenschaftliche Fortschritt lebt von dem "freundlich-feindlichen Wettbewerb" der Ideen. Wird der Meinungskorridor zu stark eingeengt (etwa, indem jegliche Kritik am Robert Koch-Institut als "Sakrileg" geahndet wird), richtet dies möglicherweise größeren Schaden an als die Wahnideen, die KenFM, Attila Hildmann oder Xavier Naidoo verbreiteten.

Auch in finanzieller Hinsicht war 2020 ein schwieriges Jahr. So ist das Spendenvolumen erwartungsgemäß zurückgegangen. Zwar kann die gbs das Defizit bei den Einnahmen und Ausgaben durch eine entsprechende Entnahme aus ihrem Verbrauchsvermögen ausgleichen, aber da in diesem Jahr weniger Zustiftungen (Schenkungen bzw. Erbschaften) ins Verbrauchskapital der Stiftung erfolgten, wird die gbs – erstmals in ihrer bisherigen Geschichte – ärmer aus einem Jahr herausgehen, als sie in das Jahr gestartet ist.

Schmerzlicher als finanzielle Einbußen ist aber natürlich der Verlust von geliebten Menschen. 2020 musste sich die gbs von einem ihrer aktivsten Beiräte verabschieden: Im August starb der Erfinder und Moderator des legendären "ZDF-Nachtstudios" Volker Panzer, der auch innerhalb der gbs viele Funktionen übernommen hatte (siehe den Nachruf "Ein wunderbarer Mensch"). Mit ihm haben wir nicht nur einen Stiftungskollegen verloren, sondern auch einen guten Freund, auf den man sich jederzeit verlassen konnte. Freuen durften wir uns hingegen über vier neue Beiräte, die seit 2020 das gbs-Team verstärken: die Psychologin und Begabungsforscherin Tanja Gabriele Baudson, den Geowissenschaftler Horst Marschall, die Erziehungswissenschaftlerin Barbro Walker und den Cartoonisten Martin Perscheid.

Mit ihnen und allen anderen Mitgliedern der Giordano-Bruno-Stiftung wünschen wir unseren Unterstützerinnen und Unterstützern ein gutes, erfolgreiches und möglichst freudvolles Jahr 2021! Bleiben Sie gesund…

Eine ausführlichere Darstellung der Aktivitäten 2020 folgt in der nächsten Ausgabe des bruno.-Jahresmagazins, die im Herbst 2021 erscheinen wird.